Das Mädchen und der Soldat

Rezensionen

Das Mädchen und der Soldat3 von 4 Bücher

 Erster Weltkrieg, ein belgisches Dorf nahe der Front. Ein blindes Mädchen begegnet einem schwarzen Soldaten aus Afrika. Oft sitzen sie auf derselben Bank. Langsam kommt es zu einer gegenseitigen Annäherung. Als der Soldat eines Tages wegbleibt, macht sich das Mädchen auf die Suche nach „ihrem“ Soldaten.

> Eigentlich sind es zwei Geschichten, die ineinander verwoben ein wunderbares Ganzes ergeben. Diejenige des Mädchens steht dunkelgrün auf weissem Papier, diejenige des Soldaten weiss auf dunkelgrünem Grund. Die Farbe des gemeinsamen Kapitels ist ein erdiges, aber helleres Grün – Zeichen der Hoffnung? Verbunden sind die beiden Geschichten durch Illustrationen, welche die Kriegsstimmung eindrücklich wiedergeben. Sprache und Erzählweise sind genial. Man meint zu riechen, wie das blinde Mädchen seinen Geruchssinn braucht, während er, der in der fremden Sprache zu wenig Worte findet, sein Gespür einsetzt. Ein wichtiges Stück Weltgeschichte in ein eher unscheinbares Buch verpackt – ein Schatz.

Katharina Wagner- Rezensionsdatenbank Kinder- und Jugendmedien Bern-Freiburg

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Das Mädchen und der Soldat

Das Mädchen setzt sich auf die Bank. Neben ihr sitzt ein Soldat, der nach gerösteten Nüssen riecht. Der Bank wird ihr neuer Treffpunkt, doch eines Tages taucht der Soldat nicht auf. Das Mädchen macht sich auf die Suche nach ihm…

Der Titel definiert das Buch perfekt. Es geht um ein Mädchen und um einen Soldaten. Namen werden nicht genannt, was auch nicht passend wäre, da es nicht um einzelne Personen geht, sondern um das, wofür sie stehen.

Das Buch ist sehr anschaulich illustriert. Es wird immer abwechselnd aus Sicht des Mädchens und des Soldaten geschrieben, die Seiten sind auch immer dementsprechend andersfarbig. Zwischendurch gibt es viele schemenhafte Bilder, die gegebene Situationen veranschaulichen. Insgesamt vermittelt die Aufmachung eine eher dunkle und bedrückende Stimmung, was auch zum Inhalt passt. Schließlich spielt die Handlung in der Kriegszeit und fokussiert unter anderem afrikanische Soldaten, die aus ihrer Heimat gerissen wurden und nicht gleichwertig behandelt wurden.

Beide Charaktere sind sehr simpel gehalten. Sie ist jung und unschuldig, aber durch den Krieg hat sie bereits zu viel ihrer Kindheit verloren. Er vermisst seine Heimat und riskiert sein Leben für einen Krieg, mit dem er nichts zu tun haben möchte. Es wird sehr deutlich vermittelt, dass es keine Gewinner im Krieg gibt und dass alle Seiten leiden, wenn auch auf unterschiedliche Arten. Dass zwei sehr gegensätzliche Charaktere gewählt wurden, empfand ich deshalb sehr gut, da es zeigt, dass trotz der Unterschiede beide Opfer des Krieges sind und dass trotz der Differenzen überall Freundschaften geschlossen werden können.

„Das Mädchen und der Soldat“ ist eine simple und genau dadurch machtvolle Geschichte über das Leben im Krieg. Insgesamt handelt es sich um ein sehr kurzes Buch mit unter 100 Seiten, dessen Geschichte sich auf einige Tage beschränkt.

Ich empfehle es Lesern ab 12 Jahren, die sich für Reelles und/oder Historisches interessieren, prinzipiell aber auch jedem, der sich für zwischenmenschliche Beziehung interessiert.

Ich vergebe gute 3 Sterne.

Lidan Chai, Buecherkinder.de

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DAS MÄDCHEN UND DER SOLDAT    

Ein von der Größe her unscheinbares Büchlein liegt dem Leser in der Hand, der sich für diese Geschichte entschieden hat. Unter dem Zusatz, dass das Buch von Ann de Bobe illustriert ist, hatte ich mir ein großformatiges Werk vorgestellt, ähnlich einem Bilderbuch. Tatsächlich hat das Werk nur eine Größe von etwa DINA6 und ist damit kleinformatiger als die meisten Romane.

Vorsatzseiten und Bilder sind in Camouflagefarben gehalten. Selbst, wenn das Werk durchaus hoffungsvolle oder schöne Szenen enthält, so lassen uns die Farben – oder vielmehr das Abhandensein der Farben – doch nie vergessen, dass wir uns mit “Das Mädchen und der Soldat” im Krieg befinden. Die Bilder weisen einen leichten Fotorealismus auf, so dass sie einem beim Lesen noch näher gehen. Die verwendeten Farben lassen zum einen Assoziationen zum Krieg aufsteigen, zum anderen verstärken sie die Bindung an das blinde Mädchen, welches ebenfalls nur einen einseitigen Eindruck seiner Umgebung gewinnen kann: durch Ertasten oder ihren Geruchssinn.

Der Inhalt der kurzen, aber gehaltvollen Geschichte ist schnell zusammengefasst: Ein blindes Mädchen lernt einen dunkelhäutigen Soldaten kennen. Da ihr die Sehkraft fehlt, versucht sie bis ins Innere des Soldaten vorzudringen und lernt dort einen Mann kennen, mit dem sie schon bald eine tiefe Freundschaft verbindet. Ihrer Freundschaft verleiht sie Substanz mit einem selbstgebackenen Brot. Sie will ihm damit ein Stück seiner verlorenen Heimat zurückzugeben und ihrer Freundschaft Ausdruck verleihen. Im Gegensatz zu den anderen Menschen in ihrem Land, die in dem Soldaten nur einen Feind sehen und jemanden, der allein schon wegen seiner Hautfarbe anders ist als sie, erkennt das Mädchen in ihrem Gegenüber einfach den Menschen. Einen, der auf Grund des Krieges seine Heimat verlassen musste und sehr schwer darunter leidet. Nur leider sitzt der Soldat am nächsten Tag nicht mehr auf der Bank, wo die beiden sich tagtäglich getroffen haben. Das Mädchen muss dem Soldat jedoch unbedingt das Brot bringen, als letzten Hoffnungsschimmer in einem fremden Land, denn sie hat bemerkt, dass dem Soldaten jeglicher Halt fehlt, um den Krieg weiterhin durchzustehen. Das Mädchen lässt nichts unversucht, um den unbekannten Soldaten wiederzufinden und erfährt dabei Hilfe von unerwarteter Seite.

Der Beginn des kleines Büchleins liest sich etwas störrisch, da ein allwissender Erzähler die Szenen abwechselnd aus der Sicht des blinden Mädchens und aus der Sicht des Soldaten erzählt. Tatsächlich dachte ich nach dem ersten Kapitel spontan an einen Fehldruck. Nachdem sich die Wege der beiden jedoch trennen, verliert sich dieser Eindruck gänzlich.

Das Brot ist ein Symbol für Heimat, Familie und Freundschaft, für Zusammenhalt und Stärke, für einen Notnagel, an dem man sich in der Fremde festhalten kann und der einen zurück ins Leben holt. Weit weg von seiner Familie hätte der Soldat den Mut weiterzuleben verloren, wäre er nicht zur rechten Zeit dem Mädchen und ihrem Brot begegnet.
“Das Mädchen und der Soldat” ist eine kurze, aber sehr intensive Erzählung über den Wert von Familie und Freundschaft und darüber, was einen Menschen tatsächlich ausmacht, wenn man sich nicht von Äußerlichkeiten ablenken lässt, sondern nur tief in sein Innerstes schaut.

Anette Leister, Katzemitbuch.de

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5.0 von 5 SternenÜber eine ungewöhnliche Freundschaft entgegen aller Vorurteile und Diskriminierungen

Tirailleurs sénégalais nannte man diejenigen Einheiten der französischen Streitkräfte während des Ersten Weltkrieges, die aus den durch Frankreich besetzten Gebieten des westlichen Afrikas stammten. Fasst eine Viertelmillion farbiger Soldaten kämpfte mehr oder weniger freiwillig unter der Trikolore versammelt, wobei sie häufig Diskriminierungen ausgesetzt waren und nicht selten buchstäblich als Kanonenfutter eingesetzt wurden. Die Erzählung handelt von der (fiktiven) Geschichte eines dieser Soldaten und seiner Begegnung mit einem Mädchen, das die Ängste der anderen Dorfbewohner vor dem Fremden nicht teilt. Sie nimmt seine äußerliche ›Andersartigkeit‹ zunächst auch gar nicht war, denn sie ist blind. Doch ihre anderen Sinne funktionieren dafür umso besser, und das, was die anderen als fremdartig und bedrohlich ansehen, scheint für sie einfach nur unbekannt und interessant zu sein: Der fremde Soldat duftet nach gerösteten Nüssen. Woher mag er kommen? Warum ist er hier? Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch, aus dem eine Freundschaft erwächst. Als er – anders als erwartet – nicht zum Fronturlaub ins Dorf zurückkehrt, begibt sich das Mädchen auf die Suche nach ihm.

Der Roman der Historikerin und Kinderbuchautorin Aline Sax erzählt auf sehr lesenswerte Weise davon, wie und warum Verständigung bis hin zur Freundschaft zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft gelingen kann, selbst in einer von scheinbar unversöhnlichen Gegensetzen zerfressenen Gesellschaft. Nicht zufällig wählt sie für diejenige Person, die über den Tellerrand ihrer Gemeinschaft schauen kann, ein blindes Mädchen. Zum einen, weil sie das Gefühl vermutlich kennen dürfte, anders als die anderen behandelt zu werden. Zum zweiten, weil die Frage der rassistischen Unterscheidung immer auch eine Frage der Äußerlichkeit und Sichtbarkeit ist und sich an Haut- und Haarfarbe, Physiognomie und Kleidung orientiert. Aber das Mädchen sieht nur nach innen, sie interessiert sich für den Menschen, der da so ungewöhnlich duftet. Der Soldat ist wiederum fasziniert von der Furchtlosigkeit und Neugier des Kindes angesichts des feindseligen Verhaltens der übrigen Dorfbewohner. Die Autorin setzt geschickt das Mittel der Perspektive ein, um die Schwierigkeit der von Außen skandalisierten Kontaktaufnahme verständlich zu machen, und zwar in Form eines repetitives Erzählen des gleichen Sachverhaltes sowohl aus der Perspektive des Kindes als auch des Soldaten. Sie vermittelt damit, dass sich die Furcht vor dem Anderen aufgrund dessen Unzugänglichkeit und der Unverständlichkeit seiner Äußerungen und Handlungen nur dann aufheben lässt, wenn man bereit ist, dessen Perspektive zu teilen und von der Außen- auf die Innensicht zu wechseln.

Die düsteren Bilder der Illustratorin Ann de Bode geben uns einen Eindruck davon, wie eine Gesellschaft – im wahrsten Sinne des Wortes – aussieht, in der den Meisten die Fähigkeit zum Perspektivwechsel abhanden gekommen zu sein scheint. Die kollektiven Angst- und Hassgefühle zeigen ihre Spuren in den dunkel und trostlos wirkenden Landschafts- und Personenportraits und könnten den Leser/Betrachter mit einiger Resignation zurücklassen, böte uns das Ende der Geschichte nicht ein Fünkchen Hoffnung auf ein gelingendes Miteinander jenseits aller trennenden sozialen Grenzen.

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien

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Das Mädchen und der Soldat

Das Mädchen und der Soldat war eines der Bücher, welches mein Herz zur Leipziger Buchmesse erobert hat. Nachdem Jule und ich die Lesung von Aline Sax besucht hatten, wanderte das Buch ohne Umschweife auf meine Wishlist. Welche Wirkung das Buch auf mich hatte und welche Botschaft es vermittelt, könnt ihr hier lesen.

Zum Inhalt.
Ein winziger Ort in Belgien hinter der Frontlinie während des Ersten Weltkriegs. In dem Gasthaus, in das die Soldaten kommen, lebt ein blindes kleines Mädchen. Eines Tages findet sie sich auf ihrer Bank neben einem Fremden wieder, einem schwarzen Soldaten, der nach gerösteten Nüssen duftet. Langsam entwickelt sich eine Freundschaft. Er erzählt ihr vom heißen Afrika und von seiner Frau und seinem Kind. Sie erzählt ihm von ihrem Vater, der auch an der Front kämpft. In dem kleinen Mädchen entdeckt der Soldat nichts von dem Misstrauen, das die anderen Menschen ihm, dem Schwarzen, entgegenbringen. Er fühlt sich gut in ihrer Nähe, sie hat keine Angst vor ihm. Doch eines Tages bleibt die Bank leer, und das blinde Mädchen macht sich auf die Suche nach »ihrem« Soldaten. Sie wird ihn finden

„Hast du keine Angst vor mir?“ fragt er neugierig.
„Warum sollte ich Angst vor dir haben?“
„Jeder scheint Angst vor mir zu haben.“
Das Mädchen schüttelt den Kopf. „Ich nicht.“

Mein Eindruck.
Geschichten um außergewöhnliche Freundschaften gibt es in den letzten Jahren viele. Doch ich bin mir sicher, dass nur wenige mich so direkt ins Herz getroffen haben, wie dieses Buch. Nicht nur durch die Illustrationen gewinnt die Erzählung an Tiefe. Ganz besonders hat mich die Sichtweise des Mädchens berührt. Kann sie eben genau das nicht. Sehen. Und doch macht sie sich auf die Suche nach ihrem neu gewonnenem Freund. Dem Soldaten. ‚Nur‘ um ihm einen selbst gebackenen Laib Brot zu bringen.

Zugleich erfährt man auch die Geschichte des Soldaten, die nicht weniger rührend ist, als die des Mädchens, dafür aber aus Sicht des Krieges umso grausamer. Diese Grausamkeit hat mich ein wenig überrascht, ist dieses Buch immerhin als Kinderbuch deklariert. Schon zur Lesung während der #lbm16 hatte Aline Sax aber eingeräumt, dass eine klassische Genreeinteilung bei diesem Buch nicht passt. Bedient es doch viele Genres – Kinderbuch, Kriegsroman, Geschichtsband, Bilderbuch. Dieses Buch passt eigentlich immer, nur würde ich es vielleicht keinem Kind unter 12 als Lektüre reichen. Dafür scheinen mir die Geschichte und die Illustrationen doch etwas heftig.

Insgesamt ist es ein wundervolles Buch, das sowohl in meiner Erinnerung, als auch in meinem Bücherregal immer einen besonderen Platz haben wird. Ein besonderes Buch über Freundschaft, dass besonders in der aktuellen Zeit eine gute Empfehlung für so manchen ist.

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