Grenzgänger

Grenzgänger

von Kirsten Kumschlies – KinderundJugendbuchMedien.de

Grenzgänger zwischen Ost- und Westberlin: 1961 Julian, 1977 Marthe, 1989 Sybille. Hier wird ein großer historischer Bogen geschlagen. Die Geschichte erstreckt sich vom Mauerbau bis zur friedlichen Revolution und zur Grenzöffnung, behandelt Flucht, Stasi-Machenschaften, Lebensbedingungen in der DDR und Friedensbewegung. Die Niederländerin Aline Sax legt mit ihrem Jugendroman ein deutsch-deutsches Familienportrait vor, das eindrucksvoller kaum sein könnte und das trotz der Fülle an Themen an keiner Stelle überladen wirkt.

Inhalt

Berlin, im August 1961, die Stadt ist geteilt in Ost und West, aber die Grenze ist noch nicht durch eine unpassierbare Mauer geteilt. Julian lebt im Osten der Stadt und ist ein sogenannter “Grenzgänger”: Er wohnt im Osten, arbeitet aber im Westen und hat dort viele Freunde. Eines Tages lernt er die Westberlinerin Heike kennen. Sie verlieben sich und werden ein Paar. Der plötzliche Bau der Berliner Mauer erwischt die beiden kalt, setzt ihre frische Beziehung vor ein jähes Ende und macht Julian fassungslos. Er verzehrt sich vor Sehnsucht nach Heike, mit der von heute auf morgen kein Kontakt mehr möglich ist. Hinzu kommt, dass er nun keine Arbeit mehr hat und er als “Grenzgänger” zunächst Schwierigkeiten hat, in der DDR eine neue Stelle als gelernter Maurer zu finden. Nach und nach reift in Julian ein Plan: Er will aus der DDR fliehen, um zu Heike in die BRD zu gelangen. Als er seinen Bruder Rolf als einzigen ins Vertrauen zieht, kündigt der zu Julians Überraschung an, sich ihm anzuschließen. Nun suchen die Brüder gemeinsam nach einer undichten Stelle der Berliner Mauer, frei nach dem Motto “Wir gegen die Grenze!” Eingangs visieren sie eine Flucht durch die Kanalisation an und schließen sich einer Gruppe von anderen Fluchtbereiten an, die Hilfe durch Unterstützer aus dem Westen haben. Doch der versuchte Grenzübertritt scheitert. Im zweiten Anlauf versuchen Julian und Rolf die Flucht durch das Berliner U-Bahn-System, wählen den Weg durch die zugemauerten Geisterbahnhöfe, in denen die West-U-Bahn durch den Osten fährt. Vor der Kulisse des Geisterbahnhofs Heinrich-Heine-Straße entfaltet sich ein Drama, mit dem dieser erste Handlungsstrang des Romans endet.

Weiter geht es im Jahr 1977. Nun ist Marthe, die Nichte von Julian, Protagonistin und löst den Onkel als Ich-Erzählerin ab. Sie und ihr Bruder Florian, dem sie sich stärker verbunden fühlt als nur geschwisterlich und in den sie regelrecht verliebt ist, sind Mitglieder eines Leseklubs, den sie wegen seiner subversiven Haltung gegenüber der Staatsmacht, mit der Weißen Rose vergleichen – und sich selbst mit dem Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl. Allerdings hinkt die Analogie in Marthes Augen selbst ein bisschen: Sie “lasen Bücher, die verboten waren.” Sie “sprachen frei und offen.” Sie “hörten Schallplatten aus dem Westen.” Aber “sie hatten noch nie etwas Konkretes unternommen.” (S. 172). Doch als sie, am Vorbild der Geschwister Scholl orientiert, beginnen Flugblätter zu drucken, geraten sie ins Visier der Staatsmacht. Sowohl Marthe als auch Florian werden von der Stasi verhaftet. Marthe steht unmenschliche Haftbedingungen, Folter und Demütigungen durch. Nach ihrer Entlassung aus der Haft ist Florian plötzlich spurlos verschwunden.

Aufgenommen wird dieser Handlungsstrang erst wieder im dritten Teil des Familienromans, in dem mit Sybille nun die Nichte Marthes im Mittelpunkt steht. Wir schreiben das Jahr 1989 und die DDR befindet sich in massiven Umbruchprozessen. Durch einen Freund kommt Sybille mit der Friedensbewegung in Kontakt und schließt sich den friedlichen Protesten in der Kirche an. Doch nicht nur die politisch bewegende Zeit kurz vor dem Mauerfall treibt Sybille innerlich um, da ist vor allem die Sorge um ihre Großmutter, die im Krankenhaus liegt. Sie ist bei ihrer Oma aufgewachsen, hat daher eine besonders enge Bindung zu ihr und möchte diese unbedingt in ein Westkrankenhaus überführen lassen. Dafür scheut sie noch nicht mal Gespräche mit einem ehemaligen Stasi-Offizier, den sie durch ihre Tante Marthe kennenlernt, die zuvor Jahre lang verschwunden war. Doch mit dem Fall der Mauer ändert sich plötzlich alles…

Kritik

Aline Sax erzählt in ihrem dicht und packend erzählten Roman drei spannende Geschichten über eine Ostberliner Familie zu DDR-Zeiten. Mit dieser großflächigen Anlage gelingt es der niederländischen Autorin die Historie groß aufzuspannen und sowohl die Zeit des Mauerbaus, das Leben in der DDR und die Ereignisse im Herbst 1989 in einem einzigen Buch in den Blick zu nehmen, was in der Mauerfall-Jugendliteratur bislang Seltenheitswert hat (vergleichbare Ansätze wählt Klaus Kordon). Kunstvoll verwebt sie das Schicksal ihrer Figuren ineinander, das Ende bleibt offen, der Werdegang der Figuren wird nicht erzählt. Was aus Julian wird, erfahren wir leider nicht.

Alle drei Handlungsstränge sind intern fokalisiert und stringent auf die Perspektive der jeweiligen Ich-Erzähler bezogen. Auf diese Weise verbinden sich die Einzelschicksale mit dem großen historischen Ganzen. Durch die Verengung auf die subjektiven Figurenperspektiven vermeidet Aline Sax einen Abfall in stereotype Darstellungsweisen und schließt somit an eine neue Ära des jugendliterarischen Erzählens über die deutsch-deutsche Teilung an, wie sie mit Texten wie Dorit Linkes Jenseits der blauen Grenze (2014) begonnen wurde. Auch das Berlin-Bild ist an die subjektiven Sichtweisen der Figuren gebunden und erscheint damit als Teil eines individuellen kommunikativen Gedächtnisses. Dadurch bildet es einen wichtigen Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur.

Gerade der erste Handlungsstrang, der vom Grenzgänger Julian erzählt, ist spannend und verleitet zu intensiven Reflexionsprozessen über den Bau und den Verlauf der Berliner Mauer. Wo genau die Geisterbahnhöfe lagen, durch die Julian und Rolf in den Westen gelangen wollen, zeigt eine Landkarte in der Buchklappe an, in der alle für die literarischen Figuren wichtigen Stationen und Schauplätze markiert sind. Dadurch, dass die Beschreibung der Räume nicht auf eine heterodiegetische Erzählinstanz übertragen ist, gelingt eine authentische Darstellung, die den atmosphärischen Raum absteckt, etwa wenn Julian reflektiert:

“Der Bahnhof war tatsächlich geisterhaft. Nur wenige Lampen brannten, die leeren Bahnsteige lagen im Halblicht. Ein Plakat mit Sommerreklame hatte sich an den Ecken von der Wand gelöst. Und die Treppe zum Ausgang war zugemauert. Direkt daneben befand sich eine Stahltür mit Guckfenster.” (S. 154)
Und nahezu poetisch wird die Sprache, wenn Marthe sich im zweiten großen Handlungsstrang mit Sophie Scholl vergleicht und ihr Leben in der DDR folgendermaßen beschreibt:

 “Ich wäre zu gerne wie Sophie Scholl. Aber ob ich den Mut dazu haben würde? Ich dachte an Mutter, an ihre Verbitterung darüber, dass die Partei sie kaltgestellt hatte. Im Gleichschritt gehen war der einfachste Weg. Der Weg, der relative Freiheit versprach. Solange man nicht über die Linien hinausmalte, durfte man Buntstifte in verschiedenen Farben benutzen. Hielt man sich aber nicht an diese Regel, nahmen sie einem die Buntstifte weg. Und meine Buntstifte waren mir durchaus wichtig: mein Studium, die Arbeit im Moritz-Eck, meine Zukunftsaussichten.”(S. 181)
Es sind nicht zuletzt diese Sprachbilder, die Grenzgänger zu einem ganz besonders eindrücklichem Leseerlebnis machen. Freilich richtet sich der Text mit seiner Seitenstärke von 491 Seiten an leseaffine Jugendliche (und Erwachsene) und ist alles andere als trivial erzählt – gerade darum ist es ein wichtiges und ausgesprochen empfehlenswertes Stück zeitgeschichtliche Jugendliteratur, das von Mauerbau, Leben in der DDR und dem Mauerfall erzählt.

Fazit

Eine Perle der Mauerfall- und Wende-Jugendliteratur, das aus der Feder einer Niederländerin stammt, die sich akribisch und feinfühlig mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzt und vor allem ihre sensibel konzipierten literarischen Figuren sprechen und erzählen lässt. Dadurch entsteht ein brillant dargestelltes Zeitbild, das sich über mehrere Jahrzehnte DDR-Geschichte erstreckt, den Bogen spannt vom Bau bis zum Fall der Berliner Mauer und dabei trotz der Themenvielfalt an keiner Stelle überfrachtet ist. Jugendliche Leser ab 14 Jahren müssen auf jeden Fall historisches Interesse und einen langen Leseatem mitbringen und ein offenes Ende aushalten können, das nicht alles auflöst, was erzählt wurde. Diesen aber sei gesagt: Unbedingt lesen! 

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Die Mauer als Brücke.
Aline Sax legt mit „Grenzgänger“ eine Familiensaga zum geteilten Berlin vor

– Saskia Geisler – lies-geschichte.de

Dass die Mauer als Brücke fungiert, stimmt natürlich nur auf Ebene des Plots. Das Bollwerk zwischen Ost- und Westberlin spaltet scharf die Leben der Familie Niemöller, wirkt wie eine offene Wunde in den Biographien der Protagonist*innen und ist der rote Faden, der die Geschichten in „Grenzgänger“ miteinander verknüpft, denn Aline Sax erzählt auf mehreren Zeitebenen für Jugendliche ab 14 Jahren vom Leben im Unrechtssystem der DDR.

Dabei ist dem Band deutlich anzumerken, dass Sax Historikerin ist. In ihrem Nachwort gibt sie dann auch Einblick in ihre akribische Recherche und den Anfangspunkt ihrer Überlegungen, einen Roman über das geteilte Berlin zu schreiben: Ein eigener Studienaufenthalt in Berlin Anfang der 2000er Jahre. Dieses Nachwort erscheint daher auch auf der erzählerischen Ebene wichtig, führt es den Plot doch insofern weiter, dass deutlich wird, wie viel Austausch uns die offenen Grenzen ermöglichen. Wie einfach und selbstverständlich es plötzlich ist, sich mit der Geschichte anderer Länder auseinanderzusetzen, diese zu bereisen und mehr über ihre Kultur zu erfahren. Wie tiefgehend Sax dies gelungen ist, belegt „Grenzgänger“ eindrucksvoll.

Auf drei zeitlichen Ebenen, die chronologisch aneinander gereiht werden, begleiten wir einzelne Mitglieder der Familie Niemöller. Los geht es 1961 mit Julian. Er ist der einzige quellensprachliche „Grenzgänger“, denn so wurden diejenigen Ostberliner bezeichnet, die im Westen arbeiteten und täglich zwischen den Sektoren hin und her pendelten. Tatsächlich ist Julians gesamtes Sozialleben auf Westberlin ausgerichtet. Das gilt ganz besonders, seit er sich in Heike verliebt hat. Doch dann kommt die Mauer. Von einem Tag auf den anderen ist Julian von seiner Arbeit abgeschnitten. Darf Heike zunächst noch die Grenze passieren, ist auch diese Beziehung letztlich zum Scheitern verurteilt. Bis Julian beschließt, zu fliehen, und mit dieser Entscheidung das Leben seiner gesamten Familie verändert.

Die zweite Geschichte berichtet von Julians Nichte, Marthe, die im Jahr 1977 gerade ihr Studium begonnen hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder Florian folgt sie dem Beispiel der Weißen Rose. Zwar glauben die beiden durchaus an den Sozialismus, doch sie wollen Reformen. Und darum verteilen sie Flugblätter. Doch die Stasi lauert überall, auch in der eigenen Familie und die beiden werden verhaftet.

In der dritten Geschichte begegnen wir Sibylle, einer jüngeren Cousine Marthes. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt und politisch wenig interessiert. Bei den Großeltern aufgewachsen kümmert sie sich um diese und hat den Kopf kaum für andere Dinge frei. Bis ihre Oma krank wird. Sibylle hofft, durch Julian vielleicht die Oma in den Westen bringen und sie dort operieren lassen zu können. Dann taucht auch noch Marthe auf und der hübsche Kollege Marco zieht Sibylle immer weiter in die Kreise des friedlichen Widerstands. Sibylle kämpft gegen die vielen Verstrickungen der ihr vorangegangenen Generationen. Ihr Leben ist das eingeschnürteste, eingesperrteste der dargestellten und somit der kompositorische Höhepunkt der Geschichte, die mit der Öffnung der Mauer aber keineswegs mit der Lösung aller Familienkonflikte endet.

Aline Sax ist hier ein Jugendbuch gelungen, dass den Alltag in der DDR auf verschiedenen Zeitebenen gelungen einfängt. Vom Leben in der Haft bis zum Studium oder der Arbeit als Verkäuferin schafft sie eine unheimlich dichte Atmosphäre, vor allem aber macht das Buch das beklemmende Gefühl des Misstrauens greifbar. Mit wem kann ich sprechen? Ab wann verrate ich jemanden? Welcher Schritt ist mir erlaubt und welcher nicht? Ab wann mache ich mich mitschuldig? Gerade durch die Bezüge zwischen den Figuren wird auch immer wieder deutlich, wie eng verknüpft einzelne Schicksale sind, wie schwer ein Familiengeheimnis wiegen kann und wie sehr sich auch die Lebensverhältnisse in der DDR von den 1960er bis zu den 1980er Jahren veränderten. Damit geht die Erzählung einerseits über einen einfachen historischen Abenteuerroman hinaus, andererseits ist sie ein bedrückendes Portrait des Unrechtsstaats DDR.

Zwar fehlen am Ende Hinweise für die eigene weitere Recherche, dennoch sei die Lektüre dieses Romans ans Herz gelegt, gerade weil er die deutsche Geschichte in vielen Facetten reflektiert und somit zahlreiche Denk- und Diskussionsimpulse liefert.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 4/5

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Grenzgänger

– Lieselotte Banhardt – Borromäusverein.de

Erzählungen und Berichte über DDR-Schicksale gibt es viele, vor allem im Jubiläumsjahr! Die Geschichte der DDR jedoch über drei Generationen hinweg aus der jeweiligen Perspektive junger Menschen zu erzählen, macht diesen Roman so besonders. Die Stories wirken so authentisch, als habe die promovierte Historikerin ihre eigene Familiengeschichte erzählt. Es sind die Geschichten von Julian, Marthe und Sybille, im Fokus stehen Mauerbau, Stasi und Mauerfall. Bereits der erste Teil, die Zeit des Mauerbaus, ist unglaublich spannend und atmosphärisch dicht erzählt: Julian hat sich verliebt. Doch Heike wohnt in Westberlin und eines Tages ist da die Grenze und kein Treffen mehr möglich. Der erste Fluchtversuch scheitert. Als er von einem ehemaligen Schulkameraden erpresst wird, wagt er erneut die Flucht. Sie gelingt ihm, doch der Bruder kommt dabei um. – Realistisch, berührend – die historischen Ereignisse und das Lebensgefühl der Menschen sind großartig verpackt und sollte von vielen Jugendlichen gelesen werden.

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Grenzgänger

Kathrin, Lizzynet.de

Alles beginnt mit Julian und dem Aufbau der Mauer. Julian lebt im Osten, arbeitet allerdings im Westen. Als plötzlich die Mauer aufgebaut wird, verliert er seine Arbeit, seine Freundin und ist einsam im Osten. Gemeinsam mit seinem Bruder sucht er einen Weg, um in den Osten zu fliehen. Jahre später sind Julians Nichte Marthe und ihr Bruder Florian inzwischen Studenten. Die beiden sind gegen die strikten Formen DDR und machen bei diversen politischen Aktionen mit. Schließlich werden die beiden von der Stasi geschnappt und befragt. Marthe wird schließlich frei gelassen. Sie weiß nicht, was mit ihrem Bruder Florian passiert ist. Zuletzt erscheint Sybille, die bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Sie führt ein recht normales Leben in der DDR, bis schließlich ihr Opa in ein Pflegeheim muss und ihre Oma im Krankenhaus liegt und am Leben erhalten wird, dazu taucht auch noch die Jahre lang verschwundene Marthe, Sybilles Cousine, auf, die immer noch nach Florian sucht. Währenddessen versucht Sybille, ihren Onkel Julian zu finden, damit ihre Oma in den Westen gebracht wird, um sie dort operieren zu lassen.

Der Roman beginnt kurz vor der Errichtung der Mauer in der DDR und endet mit ihrer Öffnung. Dabei beschreibt der Roman chronologisch die Entwicklungen der DDR. Das Buch versetzt einen zurück in die DDR Zeit. Es schildert das Leben von drei unterschiedlichen Charakteren mit gut recherchierten Informationen zur DDR. Dabei ist es nicht zu aufgeladen und bleibt sehr realitätsnah. Das Buch ist so fließend geschrieben, dass man gar nicht aufhören mag zu lesen.
Alles in allem kann ich das Buch Jugendlichen und auch jungen Erwachsenen empfehlen, die mehr über das Leben in der DDR wissen wollen.

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Detailreich, spannend und aktuell

– Kathrin Wexberg – Furche.at

nter Zeitgeschichte wird per definitionem jener Abschnitt der Geschichte verstanden, den zumindest ein Teil der Zeitgenossen schon bewusst miterlebt hat. Insofern ist aus heutiger Sicht die DDR bereits Zeitgeschichte. Im Nachwort zu ihrem üppigen Roman beschreibt die Autorin Aline Sax, promovierte Historikerin, wie sie den Mauerfall als Fünfjährige zwar mitbekam, aber die historische Tragweite der Ereignisse nicht abschätzen konnte. Erst als sie als junge Erwachsene in Berlin zum Zweiten Weltkrieg forschte, wurde ihr bewusst, wie sehr die frühere Teilung das Leben auch fünfzehn Jahre später noch prägte. Sie begann zu recherchieren und beschloss, auf erzählende Weise der Frage nachzugehen, wie es wohl gewesen sein mag, das mitzuerleben. Dafür wählte sie drei Ich-Perspektiven aus drei verschiedenen Phasen der Geschichte der DDR: Ihren Ausgang nimmt die Handlung im Jahr 1961, in einer wenig bekannten Phase der Teilung, als die Grenze noch offen war und Menschen wie die erste Erzählstimme Julian Niemöller als sogenannte „Grenzgänger“ arbeiten konnten, also im Osten lebten, aber zum Arbeiten in den Westen pendelten.

Perspektivenwechsel
Dann ist von einem auf den anderen Tag die Grenze zu, seine Arbeitsstelle ebenso wie seine Freundin plötzlich unerreichbar. Julian kann sich damit nicht abfinden und plant gemeinsam mit seinem Bruder die Flucht. Die nächste Perspektive gehört seiner Nichte Marthe, die 1977 gemeinsam mit ihrem Bruder heimlich subversive Aktivitäten gegen das Regime startet und sich dabei die „Weiße Rose“ zum Vorbild nimmt. Die dritte Sicht wiederum erlebt 1989 die letzte Phase der DDR und gehört Marthes Cousine Sybille, die sich gut mit ihrem Leben arrangiert hat und erst durch eine familiäre Krise beginnt, über ein mögliches Leben außerhalb der Mauer nachzudenken. Aline Sax versteht es, ihre Fülle an Quellen und Informationen so stimmig in die Handlung einzubeziehen, dass man sich dabei nie erschlagen fühlt – trotz aller Detailgenauigkeit liest sich der fast 500 Seiten starke Roman ungemein spannend. Gerade in der aktuellen politischen Situation, in der weltweit autoritäre Machthaber wieder stärker werden, ist es ebenso aufschlussreich wie schockierend zu lesen, was es konkret bedeutet, in einem Staat wie der DDR zu leben: wo Grenzsoldaten völlig selbstverständlich auf ihre Mitbürger schießen, deren einziges Verbrechen es ist, das Land verlassen zu wollen. Wo in universitären Lehrveranstaltungen der Unterricht darin besteht, Polit-Phrasen wiederzugeben. Und wo Menschen von einem Tag auf den anderen verschwinden …

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Grenzgänger

– Tanja Luther, #postwendend

Es ist Sommer – und Julian ist unsterblich verliebt. Doch das Glück gerät zum Drama, weil am 13. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wird. Sie teilt die Stadt. Sie trennt auch Julian und Heike. Zuvor war die Grenze zwischen West- und Ost-Berlin zwar gezogen, aber durchlässig gewesen. Julian hatte Arbeit im Westen, er zählte zu den so genannten Grenzgängern, und bei einem Ausflugs zum (West-)Berliner Wannsee lernte er Paula und ihre Mitbewohnerin Heike kennen. Letztere wird seine Freundin. Alles ist gut – für eine kurze Zeit. Weil mehr und mehr Menschen aus Ost-Berlin und der DDR beschließen, im Westen zu bleiben und dazu den Aus-Weg über Berlin wählen, greift der Staat durch. Er riegelt das Land ab. Nach dem Mauerbau bekommt Julian im Osten die Härte der DDR zu spüren. Er findet keine Arbeit, er ist stigmatisiert. Er will nur noch weg. Der einzige Weg ist nun eine riskante Flucht. Sie gelingt ihm, fordert aber zwei Generationen lang Opfer in Julians Familie. Damit sind nicht nur Druck und gesellschaftliche Ausgrenzung gemeint, die Teilung fordert tatsächlich auch Menschenleben aus den Reihen der Niemöllers. Erst Julians jüngste Cousine Sybille wird Freiheit erfahren. Als nach 28 Jahren, am 9. November 1989, die Mauer „fällt”, ist die 19-Jährige mittendrin.

Die Niederländerin Aline Sax ist eine Nachgeborene, sie kennt die DDR nur aus Geschichten. Diesen hat sie teils fasziniert, teils beklommen gelauscht, und die dramatischen Schicksale der Menschen im Osten ließen sie nicht mehr los. Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt Sax drei Lebensläufe in einer DDR-Familie, stimmig und gut nachvollziehbar. Einzig stört, dass weder Julians Schicksal im ersten Drittel des Buches noch das seiner Nichte Marthe im zweiten ganz aufgeklärt werden. Das Wissen, dass beide überleben, stellt den Leser nicht zufrieden.

Der Roman weckt hohe Erwartungen, denen er aber größtenteils mehr als gerecht wird.

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Grenzgänger

– Simone Lambert, a tempo

Grenzgänger ist die dreiteilige Saga einer Berliner Familie von der Errichtung der Mauer im Jahre 1961 bis zu ihrem Fall 1989. Die Grenze ist in der Familiengeschichte stets gegenwärtig, wie eine Wunde, die nicht verheilt.
1961. Julian Niemöller, ein sogenannter «Grenzgänger», lebt im Ostteil Berlins und arbeitet im Westen. Nach dem Mauerbau vermisst er seine westdeutsche Freundin Heike. Als ein Grenzsoldat, der ihn nach einem misslungenen Fluchtversuch erpresst, bei einem Handgemenge stirbt, muss Julian fliehen. Er entkommt – durch stillgelegte S-Bahn-Tunnel und die Geisterbahnhöfe Berlins – mit weit­reichenden Folgen für den Rest der Familie …
Der zweite Teil fokussiert Marthe und Florian. Es ist 1977 und die Geschwister treffen sich mit anderen Studenten, um verbotene Bücher zu lesen und Westschallplatten zu hören. Der geflohene Onkel Julian wird in der Familie totgeschwiegen. Marthe und Florian, die sich mit Hans und Sophie Scholl von der Weißen Rose identifizieren möchten, beginnen – halb romantisch, halb rebellisch – politische Flugblätter zu verbreiten. Sie werden denunziert und verhaftet; aus Marthes Sicht werden die Haft, die Verhöre, die Folter geschildert.
Im Sommer 1989 setzt Teil drei ein. Es ist die Zeit der Montagsdemonstrationen und der ungarischen Grenzöffnung. Sybille, acht Jahre nach der Flucht ihres Onkels Julian geboren, arbeitet als Verkäuferin in einem Supermarkt. Ihr Wunsch nach Veränderung und der Mut, sich den Demonstrationen anzuschließen, wachsen erst mit der Freundschaft zu ihrem engagierten Kollegen Marco, für den sie schwärmt. Sybille hat sich angepasst, wird aber politisch aktiv, als eine Familienangelegenheit sie aufrüttelt und sie in der Kirchengemeinde zum ersten Mal vertrauensvolle Gemeinschaft erlebt.
Dieses Lehrstück deutscher Geschichte erzählt von Jugendlichen aus drei verschiedenen Phasen der DDR. Anhand des Schicksals der fiktiven Familie Niemöller spielt Aline Sax all jene Gegebenheiten durch, die aus der Sicht des Westeuropäers das Leben in der DDR prägten: Die Allgegenwart der Stasi, selbst in der Familie, Misstrauen als Normalität, die Schwierigkeiten bei der materiellen Ver­sorgung, der Wohnungsmangel, die Phrasen antikapitalistischer Agitation, die Strafen, die Familien von Republikflüchtlingen auferlegt wurden – Arbeitsverbot, Studienverbot.

Modern und zeitgemäß und vor allem spannend erscheint der Roman, weil der historische Stoff mit den Perspektiven der Heranwachsenden sensibel verwoben wird: Wir lesen von schwierigen Liebesgeschichten und plausiblen Fluchtabenteuern, die sich auf akribische Recherchen stützen. Dem Fluss der Sprache, von Eva Schweikart hervorragend übersetzt, ist anzumerken, dass Aline Sax sich viel Zeit genommen hat für die Entwicklung der komplexen Situation – und dass sie der emotionalen Seite des dramatischen Geschehens großen Wert beimisst. Nichts wird gerafft oder zugunsten der Erzählung vereinfacht. Ihr ist ein spannendes Buch ge­lungen, das der jungen Generation, die weder die DDR noch deren Ende kennt, Wissen über diese Periode der deutschen Geschichte und das Lebensgefühl Jugendlicher in der DDR vermitteln kann.