Grenzgänger

Grenzgänger zwischen Ost- und Westberlin: 1961 Julian, 1977 Marthe, 1989 Sybille. Hier wird ein großer historischer Bogen geschlagen. Die Geschichte erstreckt sich vom Mauerbau bis zur friedlichen Revolution und zur Grenzöffnung, behandelt Flucht, Stasi-Machenschaften, Lebensbedingungen in der DDR und Friedensbewegung. Die Niederländerin Aline Sax legt mit ihrem Jugendroman ein deutsch-deutsches Familienportrait vor, das eindrucksvoller kaum sein könnte und das trotz der Fülle an Themen an keiner Stelle überladen wirkt.

Inhalt

Berlin, im August 1961, die Stadt ist geteilt in Ost und West, aber die Grenze ist noch nicht durch eine unpassierbare Mauer geteilt. Julian lebt im Osten der Stadt und ist ein sogenannter “Grenzgänger”: Er wohnt im Osten, arbeitet aber im Westen und hat dort viele Freunde. Eines Tages lernt er die Westberlinerin Heike kennen. Sie verlieben sich und werden ein Paar. Der plötzliche Bau der Berliner Mauer erwischt die beiden kalt, setzt ihre frische Beziehung vor ein jähes Ende und macht Julian fassungslos. Er verzehrt sich vor Sehnsucht nach Heike, mit der von heute auf morgen kein Kontakt mehr möglich ist. Hinzu kommt, dass er nun keine Arbeit mehr hat und er als “Grenzgänger” zunächst Schwierigkeiten hat, in der DDR eine neue Stelle als gelernter Maurer zu finden. Nach und nach reift in Julian ein Plan: Er will aus der DDR fliehen, um zu Heike in die BRD zu gelangen. Als er seinen Bruder Rolf als einzigen ins Vertrauen zieht, kündigt der zu Julians Überraschung an, sich ihm anzuschließen. Nun suchen die Brüder gemeinsam nach einer undichten Stelle der Berliner Mauer, frei nach dem Motto “Wir gegen die Grenze!” Eingangs visieren sie eine Flucht durch die Kanalisation an und schließen sich einer Gruppe von anderen Fluchtbereiten an, die Hilfe durch Unterstützer aus dem Westen haben. Doch der versuchte Grenzübertritt scheitert. Im zweiten Anlauf versuchen Julian und Rolf die Flucht durch das Berliner U-Bahn-System, wählen den Weg durch die zugemauerten Geisterbahnhöfe, in denen die West-U-Bahn durch den Osten fährt. Vor der Kulisse des Geisterbahnhofs Heinrich-Heine-Straße entfaltet sich ein Drama, mit dem dieser erste Handlungsstrang des Romans endet.

Weiter geht es im Jahr 1977. Nun ist Marthe, die Nichte von Julian, Protagonistin und löst den Onkel als Ich-Erzählerin ab. Sie und ihr Bruder Florian, dem sie sich stärker verbunden fühlt als nur geschwisterlich und in den sie regelrecht verliebt ist, sind Mitglieder eines Leseklubs, den sie wegen seiner subversiven Haltung gegenüber der Staatsmacht, mit der Weißen Rose vergleichen – und sich selbst mit dem Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl. Allerdings hinkt die Analogie in Marthes Augen selbst ein bisschen: Sie “lasen Bücher, die verboten waren.” Sie “sprachen frei und offen.” Sie “hörten Schallplatten aus dem Westen.” Aber “sie hatten noch nie etwas Konkretes unternommen.” (S. 172). Doch als sie, am Vorbild der Geschwister Scholl orientiert, beginnen Flugblätter zu drucken, geraten sie ins Visier der Staatsmacht. Sowohl Marthe als auch Florian werden von der Stasi verhaftet. Marthe steht unmenschliche Haftbedingungen, Folter und Demütigungen durch. Nach ihrer Entlassung aus der Haft ist Florian plötzlich spurlos verschwunden.

Aufgenommen wird dieser Handlungsstrang erst wieder im dritten Teil des Familienromans, in dem mit Sybille nun die Nichte Marthes im Mittelpunkt steht. Wir schreiben das Jahr 1989 und die DDR befindet sich in massiven Umbruchprozessen. Durch einen Freund kommt Sybille mit der Friedensbewegung in Kontakt und schließt sich den friedlichen Protesten in der Kirche an. Doch nicht nur die politisch bewegende Zeit kurz vor dem Mauerfall treibt Sybille innerlich um, da ist vor allem die Sorge um ihre Großmutter, die im Krankenhaus liegt. Sie ist bei ihrer Oma aufgewachsen, hat daher eine besonders enge Bindung zu ihr und möchte diese unbedingt in ein Westkrankenhaus überführen lassen. Dafür scheut sie noch nicht mal Gespräche mit einem ehemaligen Stasi-Offizier, den sie durch ihre Tante Marthe kennenlernt, die zuvor Jahre lang verschwunden war. Doch mit dem Fall der Mauer ändert sich plötzlich alles…

Kritik

Aline Sax erzählt in ihrem dicht und packend erzählten Roman drei spannende Geschichten über eine Ostberliner Familie zu DDR-Zeiten. Mit dieser großflächigen Anlage gelingt es der niederländischen Autorin die Historie groß aufzuspannen und sowohl die Zeit des Mauerbaus, das Leben in der DDR und die Ereignisse im Herbst 1989 in einem einzigen Buch in den Blick zu nehmen, was in der Mauerfall-Jugendliteratur bislang Seltenheitswert hat (vergleichbare Ansätze wählt Klaus Kordon). Kunstvoll verwebt sie das Schicksal ihrer Figuren ineinander, das Ende bleibt offen, der Werdegang der Figuren wird nicht erzählt. Was aus Julian wird, erfahren wir leider nicht.

Alle drei Handlungsstränge sind intern fokalisiert und stringent auf die Perspektive der jeweiligen Ich-Erzähler bezogen. Auf diese Weise verbinden sich die Einzelschicksale mit dem großen historischen Ganzen. Durch die Verengung auf die subjektiven Figurenperspektiven vermeidet Aline Sax einen Abfall in stereotype Darstellungsweisen und schließt somit an eine neue Ära des jugendliterarischen Erzählens über die deutsch-deutsche Teilung an, wie sie mit Texten wie Dorit Linkes Jenseits der blauen Grenze (2014) begonnen wurde. Auch das Berlin-Bild ist an die subjektiven Sichtweisen der Figuren gebunden und erscheint damit als Teil eines individuellen kommunikativen Gedächtnisses. Dadurch bildet es einen wichtigen Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur.

Gerade der erste Handlungsstrang, der vom Grenzgänger Julian erzählt, ist spannend und verleitet zu intensiven Reflexionsprozessen über den Bau und den Verlauf der Berliner Mauer. Wo genau die Geisterbahnhöfe lagen, durch die Julian und Rolf in den Westen gelangen wollen, zeigt eine Landkarte in der Buchklappe an, in der alle für die literarischen Figuren wichtigen Stationen und Schauplätze markiert sind. Dadurch, dass die Beschreibung der Räume nicht auf eine heterodiegetische Erzählinstanz übertragen ist, gelingt eine authentische Darstellung, die den atmosphärischen Raum absteckt, etwa wenn Julian reflektiert:

“Der Bahnhof war tatsächlich geisterhaft. Nur wenige Lampen brannten, die leeren Bahnsteige lagen im Halblicht. Ein Plakat mit Sommerreklame hatte sich an den Ecken von der Wand gelöst. Und die Treppe zum Ausgang war zugemauert. Direkt daneben befand sich eine Stahltür mit Guckfenster.” (S. 154)
Und nahezu poetisch wird die Sprache, wenn Marthe sich im zweiten großen Handlungsstrang mit Sophie Scholl vergleicht und ihr Leben in der DDR folgendermaßen beschreibt:

 “Ich wäre zu gerne wie Sophie Scholl. Aber ob ich den Mut dazu haben würde? Ich dachte an Mutter, an ihre Verbitterung darüber, dass die Partei sie kaltgestellt hatte. Im Gleichschritt gehen war der einfachste Weg. Der Weg, der relative Freiheit versprach. Solange man nicht über die Linien hinausmalte, durfte man Buntstifte in verschiedenen Farben benutzen. Hielt man sich aber nicht an diese Regel, nahmen sie einem die Buntstifte weg. Und meine Buntstifte waren mir durchaus wichtig: mein Studium, die Arbeit im Moritz-Eck, meine Zukunftsaussichten.”(S. 181)
Es sind nicht zuletzt diese Sprachbilder, die Grenzgänger zu einem ganz besonders eindrücklichem Leseerlebnis machen. Freilich richtet sich der Text mit seiner Seitenstärke von 491 Seiten an leseaffine Jugendliche (und Erwachsene) und ist alles andere als trivial erzählt – gerade darum ist es ein wichtiges und ausgesprochen empfehlenswertes Stück zeitgeschichtliche Jugendliteratur, das von Mauerbau, Leben in der DDR und dem Mauerfall erzählt.

Fazit

Eine Perle der Mauerfall- und Wende-Jugendliteratur, das aus der Feder einer Niederländerin stammt, die sich akribisch und feinfühlig mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinandersetzt und vor allem ihre sensibel konzipierten literarischen Figuren sprechen und erzählen lässt. Dadurch entsteht ein brillant dargestelltes Zeitbild, das sich über mehrere Jahrzehnte DDR-Geschichte erstreckt, den Bogen spannt vom Bau bis zum Fall der Berliner Mauer und dabei trotz der Themenvielfalt an keiner Stelle überfrachtet ist. Jugendliche Leser ab 14 Jahren müssen auf jeden Fall historisches Interesse und einen langen Leseatem mitbringen und ein offenes Ende aushalten können, das nicht alles auflöst, was erzählt wurde. Diesen aber sei gesagt: Unbedingt lesen! 

von Kirsten Kumschlies – KinderundJugendbuchMedien.de

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Die Mauer als Brücke. Aline Sax legt mit „Grenzgänger“ eine Familiensaga zum geteilten Berlin vor

Dass die Mauer als Brücke fungiert, stimmt natürlich nur auf Ebene des Plots. Das Bollwerk zwischen Ost- und Westberlin spaltet scharf die Leben der Familie Niemöller, wirkt wie eine offene Wunde in den Biographien der Protagonist*innen und ist der rote Faden, der die Geschichten in „Grenzgänger“ miteinander verknüpft, denn Aline Sax erzählt auf mehreren Zeitebenen für Jugendliche ab 14 Jahren vom Leben im Unrechtssystem der DDR.

Dabei ist dem Band deutlich anzumerken, dass Sax Historikerin ist. In ihrem Nachwort gibt sie dann auch Einblick in ihre akribische Recherche und den Anfangspunkt ihrer Überlegungen, einen Roman über das geteilte Berlin zu schreiben: Ein eigener Studienaufenthalt in Berlin Anfang der 2000er Jahre. Dieses Nachwort erscheint daher auch auf der erzählerischen Ebene wichtig, führt es den Plot doch insofern weiter, dass deutlich wird, wie viel Austausch uns die offenen Grenzen ermöglichen. Wie einfach und selbstverständlich es plötzlich ist, sich mit der Geschichte anderer Länder auseinanderzusetzen, diese zu bereisen und mehr über ihre Kultur zu erfahren. Wie tiefgehend Sax dies gelungen ist, belegt „Grenzgänger“ eindrucksvoll.

Auf drei zeitlichen Ebenen, die chronologisch aneinander gereiht werden, begleiten wir einzelne Mitglieder der Familie Niemöller. Los geht es 1961 mit Julian. Er ist der einzige quellensprachliche „Grenzgänger“, denn so wurden diejenigen Ostberliner bezeichnet, die im Westen arbeiteten und täglich zwischen den Sektoren hin und her pendelten. Tatsächlich ist Julians gesamtes Sozialleben auf Westberlin ausgerichtet. Das gilt ganz besonders, seit er sich in Heike verliebt hat. Doch dann kommt die Mauer. Von einem Tag auf den anderen ist Julian von seiner Arbeit abgeschnitten. Darf Heike zunächst noch die Grenze passieren, ist auch diese Beziehung letztlich zum Scheitern verurteilt. Bis Julian beschließt, zu fliehen, und mit dieser Entscheidung das Leben seiner gesamten Familie verändert.

Die zweite Geschichte berichtet von Julians Nichte, Marthe, die im Jahr 1977 gerade ihr Studium begonnen hat. Gemeinsam mit ihrem Bruder Florian folgt sie dem Beispiel der Weißen Rose. Zwar glauben die beiden durchaus an den Sozialismus, doch sie wollen Reformen. Und darum verteilen sie Flugblätter. Doch die Stasi lauert überall, auch in der eigenen Familie und die beiden werden verhaftet.

In der dritten Geschichte begegnen wir Sibylle, einer jüngeren Cousine Marthes. Sie ist Verkäuferin in einem Supermarkt und politisch wenig interessiert. Bei den Großeltern aufgewachsen kümmert sie sich um diese und hat den Kopf kaum für andere Dinge frei. Bis ihre Oma krank wird. Sibylle hofft, durch Julian vielleicht die Oma in den Westen bringen und sie dort operieren lassen zu können. Dann taucht auch noch Marthe auf und der hübsche Kollege Marco zieht Sibylle immer weiter in die Kreise des friedlichen Widerstands. Sibylle kämpft gegen die vielen Verstrickungen der ihr vorangegangenen Generationen. Ihr Leben ist das eingeschnürteste, eingesperrteste der dargestellten und somit der kompositorische Höhepunkt der Geschichte, die mit der Öffnung der Mauer aber keineswegs mit der Lösung aller Familienkonflikte endet.

Aline Sax ist hier ein Jugendbuch gelungen, dass den Alltag in der DDR auf verschiedenen Zeitebenen gelungen einfängt. Vom Leben in der Haft bis zum Studium oder der Arbeit als Verkäuferin schafft sie eine unheimlich dichte Atmosphäre, vor allem aber macht das Buch das beklemmende Gefühl des Misstrauens greifbar. Mit wem kann ich sprechen? Ab wann verrate ich jemanden? Welcher Schritt ist mir erlaubt und welcher nicht? Ab wann mache ich mich mitschuldig? Gerade durch die Bezüge zwischen den Figuren wird auch immer wieder deutlich, wie eng verknüpft einzelne Schicksale sind, wie schwer ein Familiengeheimnis wiegen kann und wie sehr sich auch die Lebensverhältnisse in der DDR von den 1960er bis zu den 1980er Jahren veränderten. Damit geht die Erzählung einerseits über einen einfachen historischen Abenteuerroman hinaus, andererseits ist sie ein bedrückendes Portrait des Unrechtsstaats DDR.

Zwar fehlen am Ende Hinweise für die eigene weitere Recherche, dennoch sei die Lektüre dieses Romans ans Herz gelegt, gerade weil er die deutsche Geschichte in vielen Facetten reflektiert und somit zahlreiche Denk- und Diskussionsimpulse liefert.

Sprache 5/5
weiterführende Tipps 0/5
Handlung 4/5

Von Saskia Geisler – lies-geschichte.de