Eine Welt dazwischen

Ausschnitt

Ich machte Skizzen. Ohne Papier, ohne Stift, ohne zu sagen, wohin ich ging. Eine Bleistiftskizze auf Papier wäre nichts wert. Papier konnte reißen, würde nass werden oder verloren gehen. Meine Skizzen würden für immer bewahrt bleiben. Bewahrt in meinem Kopf. Ich würde sie anschauen können, wann und wo ich nur wollte. Auch dort, weit weg, in Amerika. Denn darum ging es mir. Ich musste die Skizzen mitnehmen können. Dann würde ich dort für einen Augenblick wieder hier sein können. Weiter wollte ich nicht darüber nachdenken. Ich wusste zu wenig über morgen und übermorgen und … Die Zukunft war ein schwarzes Loch. Wir würden schon sehen. Vielleicht würde es ja so werden, wie Vater sagte und Alexander träumte.

Ich skizzierte die Bank am Waldrand. Die Bank, von der aus man einen Blick über das Kornfeld hatte. Bis mittags zeichneten sich die Schatten der Bäume auf den goldenen Halmen ab. Gegen Abend, kurz vor der Dämmerung, spielte einem die Sonne ins Gesicht, sodass man die Augen halb zukneifen musste. Dann sah man nur die goldene Lichtglut zwischen den Ähren. Und selbst wenn die Sonne unterging, glühten die Ähren noch. Bis es ganz dunkel wurde. Aber heute hatte ich keine Zeit, darauf zu warten. Die Skizze dazu hätte ich an einem anderen Tag machen müssen. Auf dieser Zeichnung würde mir die Sonne immerzu in die Augen scheinen.

Die Grashalme, von Krankheiten befallen, plattgedrückt von Hagelkörnern, verrottet, nass und verloren, das war ein Bild, das ich nicht mitnehmen wollte. Ich wusste, dass ich wählerisch war. Die Kuh, die mit Schaum vorm Maul noch einmal nachtrat, bevor sie starb, Charlottes Hungeraugen, die verschimmelten Kartoffeln, den Wind, der durch die Dachritzen heulte und die Kälte, die uns monatelang bis auf die Knochen durchfror und die wir nicht vertreiben konnten, die ließ ich hier.

Ich erhob mich von der Bank und ging weiter. Ich skizzierte den Büschel Pferdehaare im Stacheldraht. Ich zeichnete das Gras, das den Bach überwucherte, das Geräusch mahlender Ziegenkiefer und den Duft von frischem Heu, das Alexander und ich am Morgen zum letzten Mal in den Stall gelegt hatten. Vielleicht konnte ich diese letzten Skizzen in Amerika wegwerfen, weil sie überflüssig waren. Wahrscheinlich gab es auch dort Ziegen und Stroh. Ich blieb noch einen Moment stehen und überlegte, ob ich alle Bilder aufgenommen hatte, die ich behalten wollte. Ich durfte keine Erinnerung vergessen. Wir würden nicht zurückkommen. Nie wieder. Alles war in meinem Kopf verwahrt. Wir konnten gehen.

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