Eine Welt dazwischen

Die Reaktionen

Aline Sax: “Eine Welt dazwischen”

Rezension von Antje Deistler

Belgien 1910. Eine verarmte Bauernfamilie macht sich auf, um nach Amerika auszuwandern, darunter die Zwillingsbrüder Adrian und Alexander. Doch die Mutter und die kleine Schwester werden aus gesundheitlichen Gründen schon in Antwerpen nicht aufs Schiff gelassen, der Vater und einer der Brüder, Alexander, dann von Ellis Island vor New York wieder zurück geschickt. Übrig bleibt also der 18jährige Adrian. Er schlägt sich durch, ohne Geld, ohne Englisch-Kenntnisse, arbeitet hart, nicht nur, um selbst zu überleben, sondern auch, weil er seinem Bruder Alexander noch einmal eine Fahrkarte kaufen möchte. Aber dann kommt Adrian die Liebe dazwischen, und er muss sich entscheiden: Zwischen dem Traum seiner Familie von einer Farm im Westen und einem neuen Leben mit seiner großen Liebe in New York.

Bis dahin ist das schon ein sehr eindringlicher Roman: Man taucht ab in diese versunkene Welt. Die Armut ist fühlbar, die Not der herumgeschubsten Menschen auf dem Schiff und später auf Ellis Island, oder auch die Einsamkeit dieses jungen Einwanderers in einer fremden, feindseligen Stadt. Aber was das Ganze wirklich ungewöhnlich macht, ist die Liebesgeschichte, die Adrians Leben auf den Kopf stellt. Denn er verliebt sich nicht in ein Mädchen, sondern in einen jungen Mann. Heute würde man sagen: Er hat sein Coming Out. Und das im Jahr 1910: Homosexualität stand unter Strafe, nichts destotrotz gab es auch damals eine lebendige, wenn auch heimliche schwule Großstadtszene. Dieses städtische Leben, diese fremde Subkultur und die Atmosphäre beschreibt Aline Sax spannend, einfühlsam und historisch fundiert. Denn die Autorin ist promovierte Historikerin, also Doktor der Geschichte, und das, obwohl sie erst 1984 geboren wurde. Ihr erstes Buch hat die Belgierin mit 16 veröffentlicht. Für “Eine Welt dazwischen” ist sie in den Niederlanden für einen Preis für das beste historische Jugendbuch nominiert.

Für mich gehört der Roman aber nicht nur in das Regal mit den Jugendbüchern, sondern auch in die “normale” Belletristik-Abteilung. Ich als Erwachsene war jedenfalls begeistert von diesem wunderbaren Buch.

Antje Deistler – WDR 2

WDR 2 Buchtipp: “Eine Welt dazwischen” (16.04.07; Länge: 3’16”)

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Eine etwas andere Liebesgeschichte

Zunächst möchte ich versuchen, das Buch kurz zusammenzufassen: Es handelt von einer belgischen Familie, die wie tausende andere Menschen auch, zu Beginn des 20 Jhdts. Nach Amerika aufbrechen wollen, um dort einen Neubeginn zu wagen. Doch durch einige Probleme können nicht alle Familienmitglieder das gelobte Land” betreten, nur Adrian, ein Sohn der Familie, kann nach New York einreisen und muss sich- zunächst ohne Unterkunft und Job- alleine durchschlagen. Mit der Zeit freundet sich das Landei” mit dem Großstadtleben New Yorks immer mehr an und lernt Jack, einen Hotelportier, kennen und lieben. Die Geschichte behandelt im weiteren Verlauf die zunächst vorsichtige Annäherung Adrians an das eigene Geschlecht und erläutert auch die Höhen und Tiefen der Geschichte, beispielsweise die Heimlichtuerei und das ständige Auf-der-Hut-sein, da die Homosexuelle Liebe im Amerika des frühen 20. Jhdts sehr geächtet ist.

Es gab selten ein Buch, dass mich so fesselte und in seinen Bann zog, dass ich es an einem verregneten Sonntag an einem Stück durchlas. Aline Sax beschreibt höchst eindrucksvoll und einfühlsam die Sorgen und Nöte des jungen Adrian, beginnend von der – für ihn- völlig neuen Situation bei Ankunft in New York ohne seine Familie und seinen geliebten Zwillingsbruder Alexander, über das erste Annähern mit der großen Stadt und diversen Leuten bis hin zu einer Liebesgeschichte der etwas anderen Art, endend mit der schwierigen Entscheidung zwischen Jack und seiner Familie. Dieses Buch kann u.A. dazu beitragen, Vorurteile gegenüber Homosexuellen abzubauen, auch ich sah nach dem Lesen viele Dinge in einem neuen Licht. Dabei ist das Buch mit einer Leichtigkeit geschrieben, dass es schlicht und einfach Spaß macht, sich irgendwo zurückzuziehen und zu lesen; Alle Charaktere und deren Lebensweisen werden sehr ausführlich und umfassend beschrieben, sodass man auch einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit erhält. Anfangs hatte ich-wahrscheinlich unter anderem dadurch, dass ich ein Junge bin- eine gewisse Portion Skepsis gegenüber dem Buch, es ist aber für Jungs wie für Mädels, Mamas und Papas sowie natürlich auch für Omas und Opas gleichsam empfehlenswert und unterhaltsam; nach dem Lesen des letzten Kapitels hält man noch einige Zeit inne und lässt nochmals alles auf sich wirken – Ein Meisterwerk!! Spannend bis zur allerletzten Seite.

 C. Müller – Amazon.de

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Toll, wenn man so schreiben kann!!!

Unglaublich, dass sich eine so junge Autorin so sehr in die damalige Welt und in die Gefühlswelt eines Jungen hereinversetzen kann. Ein wirklich großer Jugendroman mit einem ungewöhnlichen Themenkomplex. Ein Roman, den man in einem Rutsch durchliest, weil einen das Schicksal des Protagonisten nicht mehr loslässt und weil die historischen Fakten und Zusammenhänge überaus fesselnd dargestellt sind.

 Sonja – Amazon.de

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Verschlungene Wege in die Neue Welt

Im Jahr 1910 kommt der junge Flame Adrian in New York an. Von seiner kleinen Schwester und seiner Mutter musste er bereits in Antwerpen Abschied nehmen, sein Vater und sein Zwillingsbruder werden zurück geschickt, als sie glaubten angekommen zu sein. “Eine Welt dazwischen” heißt der Roman von Aline Sax. Als die viel beschworene Neue Welt kann Adrian Amerika nicht wahrnehmen. Alles ist ihm fremd: die Sprache, die Menschen und die Bedingungen, unter denen sie leben. Adrian kommt vom Land.

Die Familie hatte ihren kleinen Hof verkauft, um in Amerika noch einmal neu anzufangen. Aline Sax, die promovierte Historikerin ist, fängt die ganze Trostlosigkeit von Adrians Situation sehr genau ein. So, wie sie ihren Helden Skizzen machen lässt, Skizzen im Kopf, damit er sich an sein altes Zuhause erinnern könne, so lässt sie mit ihren Worten Bilder entstehen. Man sieht das Gedränge auf dem Schiff der Red Star Line genauso vor sich wie die Schlangen bei den Untersuchungen der Einwanderer auf Ellis Island. Man folgt Adrian bei seinen Versuchen, Arbeit und Unterkunft zu finden in die finstersten Ecken. Und weil das Buch eigentlich ein langer Brief sein soll, legt die Autorin dabei auch Adrians Gedanken und Gefühle offen. Das Leben ändert sich für ihn, als er die Liebe entdeckt. Aber es bleibt kompliziert, weil Adrian nicht eine Frau liebt, sondern Jack, seinen gerade gefundenen Freund. Homosexualität war damals gesellschaftlich geächtet. Und auf einmal steht Jack zwischen Adrian und seinem Bruder.

 Berliner Zeitung, 10.05.2007

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“We two boys together clinging,

One the other never leaving,”

Walt Whitman, We Two Boys Together Clinging

Neulich traf ich eine Kollegin in der S-Bahn, die gerade ein Lesexemplar für die Arbeit las. Das Buch sah nicht spektakulär aus und da ich im Moment eigentlich ganz gut mit Lektüre eingedeckt bin, habe ich zunächst nicht drauf geachtet. Bis sie meinte: “Oh, jetzt hat er sich gerade in einen Jungen verliebt.”

Dieser Satz wirkte wie Magie und schon wollte ich mehr wissen und sie versprach mir das Buch für mich beiseite zu legen. Gestern durfte ich es dann mitnehmen und heute habe ich es gelesen.

Die Handlung beginnt in Belgien, Anfang des 20. Jahrhunderts. Adrian und seine Familie lassen ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich und brechen auf nach Amerika, wo, wie man sich erzählt, jeder Land bekommt und für jeden genug da ist.

Doch schon auf der Hinreise zeigt sich, dass diese Träume weit von der Realität entfernt sind. Bei den ersten Kontrollen vor der Abreise müssen bereits die Mutter und die jüngste Schwester zurückbleiben, während Adrian, sein Zwillingsbruder Alexander und sein Vater die zehn Tage Überfahrt zusammengepfercht in engen Kabinen verbringen müssen. In Amerika angekommen müssen sie sich weiteren Kontrollen und Tests unterziehen und am Ende darf nur Adrian den amerikanischen Kontinent betreten. Allein, ohne die Sprache zu kennen findet er sich im schwülen, chaotischen New York wieder.

Die niederländische Autorin war gerade 22 als sie diesen Roman geschrieben hat und hat in diesem jungen Alter bereits in Geschichte promoviert (wie der Klappentext des Buches dem Leser mitteilt).

Dementsprechend neugierig habe ich dieses Jugendbuch begonnen und ich wurde nicht enttäuscht. ‘Eine Welt dazwischen’ ist ein ruhiger, einfach schön zu lesender Roman, der keine übermäßige Effekthascherei und keine großen Dramen braucht. In der ersten Hälfte begleitet man Adrian bei seiner Reise und seinen ersten Wochen in Amerika und erlebt seine Ängste und seine Verunsicherung mit. Dann lernt er Jack kennen, in den er sich verliebt ohne es recht zu begreifen. Er ist verunsichert, schwankt zwischen dem was er gelernt hat und dem was er fühlt und lernt schließlich mit Jack eine neue Welt kennen.

All das erzählt die Autorin angenehm ruhig und einfühlsam. Besonders reizvoll fand die Gedichte von Walt Whitman und Lord Alfred Douglas, die Jack in einem kleinen Büchlein stehen hat und die zum Teil im Buch zitiert und thematisiert werden.

Das Ende kommt schnell, fast ein wenig übereilt und es empfiehlt sich danach die ersten zwei Seiten noch einmal zu lesen um vielleicht zu einer Antwort für sich selbst zu kommen.

Dieses Jugendbuch ist nichts Großes, nichts Weltbewegendes. Es ist angenehm zu lesen und ich finde nichts Gravierendes was ich negativ anmerken könnte. Ein Buchtipp für alle, die auch hin und wieder gerne mal ein Jugendbuch zur Hand nehmen.

 http://pandora-io.livejournal.com/3374.html, 29. April 2007

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 Die besten 7 Bücher für junge Leser

Die Deutschlandfunk-Bestenliste im Juni

Eine Jury mit 28 Juroren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ermittelt einmal im Monat die besten 7 Bücher für junge Leser

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2. Aline Sax: Eine Welt dazwischen

Gepackt vom amerikanischen Traum besteigt Adrian im Jahre 1910 einen Dampfer nach New York. Dort unter abenteuerlichen Umständen angekommen schlägt er sich durch. Wie gut dass er einen Freund findet. Ein neues Abenteuer beginnt.

[…]

Ute Wegman, Deutschlandfunk, 02.06.2007

Die ganze Rezension zum Nachhören: Die 7 Besten Deutschlandfunk.mp3

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Eine Welt dazwischen

Aufmerksam geworden auf dieses wunderbare Buch bin ich durch den WDR2-Buchtipp am Sonntagmorgen. Die Begeisterung der Redakteurin wirkte ansteckend, und ich bin nicht enttäuscht worden.

Die junge Autorin Aline Sax hat hier einen Roman vorgelegt, der um zwei große Themen kreist.

Der Roman beginnt im Jahr 1910, in dem die belgische Familie De Belder sich entschließt, ihre Heimat zu verlassen und wie so viele nach Amerika auszuwandern (erster Themenkomplex). Im Zentrum des Romans steht der 18jährige Adrian, aus dessen Sicht das ganze Buch verfasst ist. Der Autorin gelingt es auf geniale Weise die Aufbruchstimmung der Zeit um die Jahrhundertwende nachzuzeichnen, all die Hoffnungen, die an das Leben in der neuen Welt geknüpft wurden, vor allem aber auch die Schwierigkeiten vom Verkauf des alten Besitzes und Verlassen der Verwandten, Freunde und Bekannten über die Probleme der Auswanderungswilligen mit Behörden und Gaunern diesseits und jenseits des Atlantiks. Am Ende kommt nur Adrian in Amerika an und muss nun, völlig auf sich allein gestellt, ums Überleben kämpfen. Nichts ist mehr übrig vom ursprünglichen Enthusiasmus: die Trennung von den Eltern und der kleinen Schwester, und mehr noch von seinem Zwillingsbruder Alexander, wiegen so schwer wie das zunächst armselige Leben.

In Jack findet Adrian schließlich einen Freund, der ihm hilft, sich in der Neuen Welt zurechtzufinden. Damit hebt das zweite große Thema dieses Buches an. Im Zusammensein und Zusammenleben mit Jack entdeckt Adrian seine Homosexualität. Für Adrian öffnet sich hier nochmals eine völlig neue Welt, “eine Welt dazwischen”, denn im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts ist Homosexualität eine Schande und wird in Kellerbars und geheimen Hinterhöfen ausgelebt.

Als schließlich Adrians Zwillingsbruder Alexander im zweiten Anlauf doch noch nach Amerika gelangt, muss er sich entscheiden: für seine Liebe, für Jack, für seine sexuelle Identität, für New York oder für seinen Kindheitstraum, die Farm im Westen, für Alexander.

Das Buch ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Das Ende ist offen – doch bekommt der aufmerksame Leser eine Ahnung (vielleicht ist es sogar eine Hoffnung…?), wofür der Protagonist sich entscheiden wird. Was das Buch neben der schonungslosen Entmythifizierung des bedingungslosen Auswandererglücks (von jetzt auf gleich vom Tellwäscher zum Millionär!) so wertvoll macht, sind die ständigen Denkanstöße für das Hier und Heute. Was zählt im Leben wirklich? Wie ist es mit der Toleranz für Andersdenkende und Andershandelnde bestellt?

Es mag auf den ersten Blick etwas irritieren, dass das Buch bei Arena erschienen ist. Denn die Adressaten sind sicher nicht nur Jugendliche; Leser jeden Alters dürften an dem Buch ihre helle Freude haben. In Holland ist “Eine Welt dazwischen” für das beste historische Jugendbuch nominiert worden.

Summa summarum: ein exzellentes Lesevergnügen, das für Stunden oder Tage zu einem spannenden Aufenthalt in der Vergangenheit einlädt, mit liebevoll-sympathischen Charakteren und einem nachhaltig bleibenden Eindruck.

 Amazon.de – 23. Juni 2007

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Aline Sax – Eine Welt dazwischen

Die belgische Familie De Belder will 1910 nach Amerika auswandern. Der Vater und einer der Söhne, Alexander, sind eigentlich diejenigen, die unbedingt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine neue Existenz mit einer Farm aufbauen möchten. Der Zwillingbruder Adrian sowie auch die Mutter und die kleine Schwester Charlotte würden lieber in der Heimat bleiben, aber natürlich geht die ganze Familie oder keiner.

Den Bauernhof haben sie verkauft, um für ihren Neustart etwas Kapital zu haben, aber für sehr viel mehr als die Überfahrt reicht es trotzdem nicht, und sie können nur mitnehmen was sie tragen können. Aber es heißt ja, in Amerika sollen die Einwanderer kostenlos Land erhalten, da es Platz für alle gibt, alles soll es dort im Überfluss geben und ganz großartig sein.

Endlich angekommen und durch verschiedene Umstände von seiner Familie getrennt, ohne Sprachkenntnisse, muss Adrian sich zunächst alleine in New York durchschlagen, er hat in einem Hotel einen Job als Tellerwäscher bekommen, aber reich oder zumindest wohlhabend zu werden, ist für viele Immigranten auch in Amerika ein fast unmöglich zu realisierender Traum.

Adrian freundet sich mit Jack an, der im gleichen Hotel arbeitet, anfangs noch etwas naiv, merkt er, dass er allmählich mehr als freundschaftliche Gefühle für Jack entwickelt, aus einem bekannten Gedicht dieser Zeit “The Love That Dare Not Speak Its Name.”

Die 1984 geborene belgische Autorin Aline Sax ist bereits promovierte Historikerin. Ihre geschichtlichen Kenntnisse merkt man dem Buch auf jeder Seite an. Sie beschreibt viele Szenen so bildhaft, dass man als Leser jederzeit die Kulisse und die Atmosphäre vor Augen hat, die Freude, aber auch das Elend, das den Menschen begegnet. Wir “sehen” die Abreise aus Antwerpen, die Überfahrt im Zwischendeck, die Ankunft in Ellis Island, das Leben in New York, die Unterschiede zwischen arm und reich und fühlen mit Adrian, seiner Familie und Jack.

“The Statue of Liberty” ist das Symbol der Freiheit für viele Einreisende. Nach den ersten Tagen in New York bereits ernüchtert, nennt Adrian sie gelegentlich “That Liberty Bitch”. Es wird für ihn ein langer Weg bis er wirklich “angekommen” ist.

Eine Altersangabe habe ich nicht gesehen, aber es ist definitiv ein Jugendbuch, kein Kinderbuch. Das Lesealter ist vielleicht ab 14 Jahren. Da ich selbst aber auch mit 12 Jahren schon normale Bücher für Erwachsene gelesen habe, kommt es sicher auf den jeweiligen jugendlichen Leser an.

“Eine Welt dazwischen” wurde in den Niederlanden für den Jugendbuchpreis nominiert. Ich kann das Buch aber Lesern jeden Alters empfehlen, die eine gut geschriebene, emotional bewegende Geschichte lesen möchten.

 Büchereule.de, 12.Juni 2007

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Geschichten von Migranten – damals und heute

Migration und Integration in der Jugendliteratur

Die Themen Migration und Integration sind auch in der Jugendbuchliteratur angekommen. Romane aus Deutschland und aus Übersee nehmen die Leser mit auf eine Zeitreise: vom Flandern Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts über das Ruhrgebiet der sechziger Jahre bis ins Berlin von heute. Und auf eine Weltreise durch kleine türkischen Dörfer, die Megacity New York, von Mexiko bis nach Australien. Geschichten von Migranten von damals und heute.

[…]

Schon immer galt Amerika als das Einwanderungsland. Die Ärmsten der Armen aus Europa begaben sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf die große Reise in ein Leben, von dem sie hofften, dass es besser sein werde als das im kalten Irland, im armen Hinterland Italiens. Der Roman der erst vierundzwanzigjährigen Belgierin Aline Sax beginnt im Flandern von 1920. In Flandern gab es Missernten und die Bauern waren bitterarm. So mancher träumte von einem guten Leben in Amerika.

All meine Bücher sind historische Romane. Ich forsche auch ganz viel und manchmal stoße ich dann wirklich auf eine Episode aus der Geschichte und dann suche ich noch mehr. Ich lese noch mehr und forsche noch mehr. Die Geschichte entwickelt sich von selbst in meinem Kopf. Ich will keine große Botschaft mitgeben. Es ist eher zufällig, dass es ein hottes Thema ist.

Ein Junge macht sich Skizzen. Skizzen im Kopf. Er will die weiten Felder im Gedächtnis behalten, das Kornfeld. An die hungrigen Kinderaugen seiner kleinen Schwester Charlotte will er sich nicht erinnern. Zusammen mit ihr, seinem Bruder und seinen Eltern wird er auswandern in ein Land, in dem es genug Arbeit, genug Auskommen für alle gibt: Nach Amerika.

Doch schon in Antwerpen endet die Fahrt für Mutter und Tochter. Charlotte hat Lungenentzündung und darf nicht aufs Schiff. Die achtzehnjährigen Zwillingsbrüder Adrian und Alexander schaffen es mit ihrem Vater immerhin bis nach Ellis Island vor New York. Dort werden die Einwanderer auf Herz und Nieren geprüft.

Aline Sax: Meine Eltern waren vor vielen Jahren in N.Y. , normale Ferien. Und sie haben Ellis Island besucht. Sie sind zurückgekommen und sie haben einen kleinen Zettel mitgebracht. Ich hab’ diesen Zettel gekriegt und ich habe lange nichts damit getan. Vor drei Jahren habe ich dann diesen Zettel wieder gefunden und diese Fotos, dieser Zettel haben mich wirklich gefesselt. Die Leute mit ihrem großen, großen Traum. Wie ist es denn gegangen, als sie ankamen in N.Y. ? Die meisten Geschichten enden, wenn die Leute abreisen und man hört die Geschichte, wie schlimm es in Flandern war und wie sie die große Reise angefangen haben. Aber alle Geschichten enden in Ellis Island. Und ich wollte mehr erzählen. Ich wollte anfangen, wo die anderen Geschichten aufhören.

Adrians Eltern verkauften ihr Hab und Gut, kratzten ihr letztes Geld für die Überfahrt zusammen und erreichten schließlich Ellis Island.

Die Uniformierten mahnten alle zur Eile. Wir trabten die Treppe hinauf. Eine Frau vor mir stolperte über ihren Rock. Ich konnte sie gerade noch festhalten. Vater schnaufte. Er blieb kurz stehen, um wieder zu Atem zu kommen. Er konnte nicht mehr. Die Hitze, das Gedränge, das lange Warten und die letzten Spuren der Seekrankheit forderten ihren Tribut. Aber man ließ ihm keine Zeit zum Ausruhen oder auch nur zum Luftschnappen. Die Menschen hinter ihm schoben ihn voran. Einer der Männer in blau – goldener Uniform zog ihn aus der Reihe und schrieb mit Kreide ein großes H auf seine Jacke. Warum taten sie das? Was bedeutete es?

Sein Vater, sein Bruder werden zurückgeschickt. Alexander ist auf sich allein gestellt. Zum ersten Mal in seinem Leben. Er irrt durch die große, heiße Stadt, schläft im Central Park, lässt sich all seine Habe und sein Geld stehlen, arbeitet in einer heißen, schmutzigen Hotelküche. Er versteht kein Wort, hat niemanden, mit dem er sich austauschen kann. Dieses Leben, so befindet er, sei viel anstrengender als das Leben in Flandern.

Meine Tage bestanden aus schlafen und arbeiten. Jeden Tag aufs Neue. Wochenlang. Von Montag bis Samstag. Sonntags blieb ich so lange wie möglich im Bett, weil ich es hasste, in New York aufzuwachen. Früher bin ich immer aus dem Bett gesprungen, noch bevor ich zur Arbeit musste. Jetzt musste ich mich jeden Tag dazu zwingen, aufzustehen. Ich hasste es. Ich wollte schlafen und vergessen, wo ich war.

Das Heimweh, die Sehnsucht nach seiner Familie zerreißen ihn fast, er fragt sich, was er Amerika soll, da trifft er Jack. Zuerst wundert er sich, wie Jack sich eine Wohnung ganz für sich allein leisten kann, genug zu essen und neu Kleider. Denn Jack ist nur ein kleiner Hotelportier. Dann weiht ihn Jack in seine Geschäfte ein. Sie tauschen Geld für die reichen Immigranten zu einem für die reichen Ausländer noch annehmbaren Kurs – und zu einem sehr günstigen Kurs für sich selber.

Jack wird Adrians Freund, sein Vertrauter, seine große Liebe werden. Eine Liebe, gegen die Adrian sich wehren will – und gegen die er sich doch nicht wehren kann.

Aline Sax: Am Anfang wusste ich auch nicht, dass Adrian sich verlieben würde. Ich fing an, einen Migrationsroman zu schreiben und dann plötzlich war Adrian in New York. Er wohnte bei Jack und dann hab’ ich gedacht, aber die beiden kommen so gut aus miteinander. Es ist ja eher zufällig, dass Adrian sich verliebt hat in Jack.

Adrian erkennt, dass er diese Liebe nur in New York leben kann, im heißen, stickigen, lauten, lärmigen New York. Jack zeigt ihm ein Leben neben dem Leben, Bars, in denen sich schwule Männer treffen, Clubs in denen sie sich wohl fühlen können ohne Angst zu haben, angezeigt zu werden.

Aline Sax: Es gab in New York eine große Subkultur. Das war normalen Leuten bekannt. Aber entweder ignorierten sie das oder sie amüsierten sich damit. Sie gingen in eine Kneipe oder in eine Bar und sie guckten mal. Das war so exotisch. Alle Leute wussten es und es war nicht so geschlossen wie man denken würde und es war auch viel größer wie man denken würde. Das gab es nur in den großen Städten, wie heute noch immer. In größeren Städten ist eine größere Subkultur als in kleinen Dörfern.

Adrian scheint endlich angekommen zu sein. Er lebt ein anderes Leben als das, was er sich vorgestellt hat, aber eines, dass er so im katholischen, ländlichen Flandern nie hätte führen können. Auf eine gewisse Weise hat sich sein American Dream erfüllt.

Aline Sax Roman “Eine Welt dazwischen” ist nicht nur ein historischer Roman, der sich mit dem Thema Migration beschäftigt. Es ist auch ein Entwicklungsroman und ein Adolenszenzroman. Ein Roman über einen jungen Mann, der sich in einen Mann verliebt. Über einen in der damaligen Zeit zweifachen Außenseiter also. Aline Sax potenziert Adrians Anderssein. Im Laufe des Romans tritt die Migrantenproblematik mehr und mehr in den Hintergrund. Denn letztlich sind alle Migranten in New York. Die Homosexualität, auch die körperliche Liebe zweier Männer wird zum Hauptthema.

Eine Welt dazwischen ist eigentlich eine Geschichte über auf der Suche sein. Auf der Suche nach sich selbst, nach Freundschaft, nach Liebe. Aber zur gleichen Zeit ist es auch eine Geschichte über das Treffen von Entscheidungen, insbesondere über neues Anfangen, abgeschnitten von allem, was man weiß und kennt. Adrian muss auch aufs Neue sein Leben aufbauen, als er in N.Y. ankommt. Auch seine Beziehung mit Jack ist schon wieder etwas ganz Neues für ihn. So kriegt die neue Welt verschiedene Meinungen in der Geschichte.

 Simone Hamm, Deutschlandfunk, 23.06.2007

Die ganze Beitrage zum Nachhören: Deutschlandfunk – Geschichten von Migranten -damals und heute-

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Sofort zum Lieblingsbuch geworden . . .

ist “Eine Welt dazwischen” für Maik Paga

FERIEN-LESESTOFF “Das Buch ist zwar erst in diesem Jahr erschienen, aber es ist sofort zu meinem Lieblingsbuch geworden, da kommt nichts dran”, schwärmt Maik Paga von der Mayerschen Buchhandlung über Eine Welt dazwischen von Aline Sax, die erst 23 Jahre jung ist und damit schon ihr viertes Buch veröffentlicht hat.

“Es geht um eine belgische Familie, die 1910 nach Amerika auswandern möchte, um dort ihr Glück zu finden”, erzählt der Fünfundzwanzigjährige über die Handlung.

Durch diverse Schwierigkeiten schaffe es aber nur der 18-jährige Sohn Adrian tatsächlich bis nach Amerika und sei dort auf sich alleine gestellt. “Er kann die Sprache nicht und trifft einen Jungen, mit dem er sich anfreundet und in den er sich später auch verliebt”, so Paga weiter. Das sei aber überhaupt nicht kitschig geschrieben.

Besonders angetan habe es ihm die Tiefgründigkeit sowie das Wissen, das durch die Geschichte sprühe: “Es ist ein historischer Roman, in dem man viel über das historische Amerika und Europa lernt und darüber, was die Leute damals beschäftigt hat.” Obwohl eigentlich ein Jugendroman, sei das Buch auch für Erwachsene sehr gut geeignet.

Maik Paga, Westdeutsche Algemeine Zeitung, 25.Juli 2007

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Von anderen Ufern

“Alle Geschichten, die wir kennen, enden mit dem Aufbruch nach Amerika. Meine beginnt damit.”

Westflandern um 1900: Wie so viele zur damaligen Zeit will auch die Familie des 16-jährigen Adrian der ländlichen Armut Belgiens entkommen und ein neues Leben in Amerika beginnen. Haus und Hof für die Überfahrt nach New York verkauft, macht sich die Familie auf den Weg ins neue Leben. Mit dabei: das Ehepaar de Belder, Tochter Charlotte und die sich blind verstehenden Zwillingsbrüder Adrian und Alexander. Während Alexander von einem fruchtbaren Stück Land träumt, ist für Adrian die Zukunft nicht mehr als ein schwarzes Loch. Der Sprache nicht mächtig, kaum Geld in der Tasche, das ganze Leben in ein paar Koffer oder Bündel gepackt und “nicht mehr als eine Nummer unter Millionen zu sein” – all das nährt Adrians Zweifel. Und er soll Recht behalten …

Eine letzte Nacht voller Hoffen und Bangen bleibt der Familie zusammen in Antwerpen, bevor sich ihre Wege trennen. Aufgrund einer Lungenentzündung wird der Tochter bereits das Betreten des Schiffes verweigert. Binnen Sekunden wird klar: Mutter und Tochter müssen zurückgelassen werden, und nur der Vater und die Söhne machen sich auf in die ‘neue Welt’. Doch damit nicht genug. Bevor die Drei überhaupt einen Fuß nach New York setzen können, beginnt auf Ellis Island ein wahrer Untersuchungsmarathon. Noch bevor die beiden Brüder trotz allem “America, here we come!”, ihren einzigen englischen Satz, richtig aussprechen können, werden der Vater krankheitsbedingt und der Bruder wegen angeblich anarchistischen und aggressiven Verhaltens ausgewiesen.

Das erste Mal von seiner Familie und auch von seinem Zwillingsbruder getrennt, entdeckt nun der Ich-Erzähler, Adrian, New York und dabei auch sich selbst. Schleichend, anfangs kaum zu bemerken, vollzieht sich nun der Wandel von einer beispielhaften Auswanderergeschichte hin zu einem außergewöhnlichen Adoleszenzroman. All das verpackt die junge flämische Autorin geschickt in einen Brief Adrians an seinen Zwillingsbruder Alexander, in welchem er versucht, die Geschichte von ‘seinem’ Amerika zu erzählen.

Ohne Zeit sich zu verabschieden, ohne Zeit für Trauer oder zum Nachdenken wird Adrian, das erste Mal in seinem Leben völlig auf sich alleine gestellt, von New York förmlich verschluckt. Verbringt er seine erste Nacht noch im Central Park, so hat er schon am zweiten Tag einen Job als – wie sollte es auch anders sein – Tellerwäscher und einen Schlafplatz in einem heruntergekommenen Hotel. Passend zur hektischen und geschäftigen ‘Big Apple’ – Atmosphäre, überschlagen sich nun die Ereignisse, und ehe sich Adrian versieht, verblassen auch schon die Erinnerungen an die Familie, lernt er ganz nebenbei Englisch, schließt erste Freundschaften, verliert den Job als Tellerwäscher und steht plötzlich auf der Straße.

Wie soll es weitergehen? Ohne Job und Schlafplatz, kaum Geld für die nächsten zwei Tage in der Tasche, erinnert sich Adrian an den Hoteljungen, den er kurz nach seiner Ankunft getroffen hatte. Spontan hatte sich Adrian diesem Unbekannten anvertrauen können, und fand er zu diesem Zeitpunkt dessen Übernachtungsangebot noch recht merkwürdig, so scheint es ihm jetzt die einzige Lösung seiner Probleme zu sein. “97 Orchard Street”, schießt es ihm durch den Kopf, und noch am selben Abend verbringt er seine erste Nacht bei Jack. Jack, der so anders ist, der ihn aufnimmt, ohne etwas dafür zu verlangen, der eine eigene Wohnung, ja sogar ein Grammofon besitzt, der ihn behandelt, als würden sie sich schon ewig kennen, und der so viele zwielichtige Seiten hat, die Adrian erst nach und nach kennenlernt. Mit Jack beginnt Adrians neues Leben in New York, und mit ihm beginnt Adrian auch wieder zu träumen, z. B. von Fahrkarten für die ganze Familie, dem erhofften Stück Land – und von Jack. Von Jack?

Nach und nach entdeckt Adrian seine Liebe zu Jack, mit allen Höhen und Tiefen, die Homosexualität zur damaligen Zeit mit sich brachte. Anfeindungen und Repression gehören genauso dazu wie die speziellen Etablissements, in die Adrian von Jack eingeführt wird und in der beide sich geben können, wie sie sind. Eindringlich wird der Reiz der Szenewelt für Adrian beschrieben; dem Leser wird die Subkultur der Homosexuellen als fremd und verstörend, aber auch als durch und durch sympathisch vorgeführt. Eine wunderbare Großstadtliebe zwischen “hair up” und “hair down”, zwischen Poesie und Sweatshop.

Mit viel Gefühl, und ohne dabei in Kitsch abzugleiten, erzählt die junge Autorin Aline Sax die Geschichte zweier Homosexueller in New York. Doch “Eine Welt dazwischen” ist mehr als nur diese Geschichte, zugleich gibt sie ein Abbild New Yorks um 1910, der Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, dem Traum so vieler Emigranten. Aber insbesondere ist es die Geschichte Adrians. Adrian, dem es zu keinem Zeitpunkt der Erzählung leicht gemacht wird. Steht er anfangs noch zwischen der alten und der neuen Welt, steht er am Ende zwischen Jack und Alexander. Eben immer in seiner Welt dazwischen. Doch es wäre für diesen Roman zu einfach, würde Adrian nicht vor die Wahl gestellt.

In einem Satz: Vielschichtig, tiefgründig, mit einem Hauch Poesie ist “Eine Welt dazwischen” nicht nur eines der besten historischen Jugendbücher 2007, sondern erzählt auch auf außergewöhnliche Weise eine ganz besondere Liebesgeschichte.

Dominik Markert, Lesebär (Internet-Rezensionszeitschrift für Kinder- und Jugendliteratur der Universität Köln), 2007

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Neue Welten

Ein ungewöhnlicher Auswandererroman der jungen Flämin Aline Sax

Alle Geschichten, die wir kennen, enden mit dem Aufbruch nach Amerika. Meine beginnt damit. – Ein Satz, der Phantasien beflügelt. Es ist der erste Satz des jungen Helden in einem Brief an seinen geliebten Zwillingsbruder. Er will ihm erklären, warum damals im Frühjahr des Jahres 1910 alles so geworden ist für ihn, den Auswanderer, in “Eine Welt dazwischen”, dem Roman der jungen flämischen Autorin und Historikerin Aline Sax (23).

Eines Frühjahrmorgens bricht seine Familie auf zu einer Reise in die Vereinigten Staaten, getrieben von der Hoffnung, im gelobten Land Frieden zu finden – Arbeit, Brot, ein Stück Land, das sie bewirtschaften kann, wie zu Hause in einem Dorf bei Antwerpen. Nur eben so, dass es sie ohne Not ernährt, das Land. Auswandererschicksale, ungezählt. In unserer Phantasie nehmen sie, dank Literatur und Film, immer wieder Gestalt an, manchmal eine sozialromantische, manchmal eine realistische. Und immer spielt ein riesengroßer Ozeandampfer eine Rolle. Besonders das Zwischendeck, wo die Passagiere dritter Klasse hausen, während man weiter oben im Luxus schwelgt. Dann der erste Blick auf die Skyline von Manhattan, die alles Leid für Augenblicke vergessen lässt. Dann die Freiheitsstatue, die Docks am East River und am Ende des Anfangs Ellis Island – die letzte und schwerste Hürde vor dem Schritt in die Freiheit.

In dieses bekannte Milieu setzt Aline Sax ihren jungen Helden. Und sie verschlimmert sein Leid. Die Familie wird auseinander gerissen. Die Mutter und die kleine Schwester dürfen nicht an Bord, der Vater wird bei der Gesundheitskontrolle auf Ellis Island zurückgewiesen und der Zwillingsbruder Alexander wird die Einreise wegen Aufmüpfigkeit verweigert. Adrian fühlt sich in der fremden Welt verloren, aber eine innere Kraft treibt ihn weiter, lässt ihn sich mit Küchenjobs über Wasser halten. Dieses Kapitel des Leidenswegs beherrscht etwa die Hälfte des 300-Seiten-Romans.

Aline Sax setzt die Geschichte nicht nur in detailreiche Kulissen. Sie zeigt zudem dramaturgisches Geschick und erzählt in klarer Sprache. Da werden Bilder lebendig, als säßen wir im Kino. Dann gibt es einen geplanten Bruch, der die Zeit verlangsamt: Adrian verliebt sich in einen gleichaltrigen amerikanischen Jungen. Eine zweite neue Welt bricht auf. Völlig überraschend. Und der Junge, erschrocken und erstaunt über seine Neigung, berichtet in allen Einzelheiten von Gefühlsstürmen und von der Liebespraxis. Am Ende steht der moralische Konflikt, der dazu führt, sich mit seinen Erzählungen an den geliebten Bruder zu wenden. Für welchen Weg soll sich Adrian entscheiden? Fürs Anderssein oder für die vermeintliche Normalität und damit für die Familie?

So nachvollziehbar die Ereignisse im Leben des jungen Mannes sind, so präzise das Milieu und die Stimmungen auch beschrieben werden: Aufmerksame Leser spüren, dass zwar die Bilder lebendig werden, aber nicht in gleichem Maße die Menschen, die sie bevölkern. Manchmal erscheinen sie wie künstlich animierte Wesen in attraktiver Landschaft. Adrians Leidenschaften hätte man genauso in Antwerpen ansiedeln können oder in Paris. Die Charaktere handeln ihren Biographien nach zwar verständlich, aber ihre Beweggründe wirken selbst in den schwierigsten Situationen wie aus Musterbögen gestanzt. Wie man gelegentlich bei Theatervorstellungen die Nahtstellen der Kulissenteile erkennt, so spürt man bei diesem Roman mancherorts das hehre Bemühen, von einem Leben glaubwürdig zu erzählen, mit Dramatik, mit Atmosphäre, mit überraschenden Wendungen und mit einem ordentlich offenen Ende. Das klingt gut, lässt einen jedoch etwas vermissen: eine Geschichte, die sich aus sich selbst heraus entwickelt.

 Siggi Seuss, Süddeutsche Zeitung, 2.7.2007.

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Eine Welt dazwischen – Buchtipp!

Die junge holländische Autorin erzählt die Geschichte der belgischen Familie De Belder, die im Jahr 1910 beschließt , ihre Heimat zu verlassen und – wie so viele – nach Amerika auszuwandern. Doch die Mutter und die kleine Schwester werden aus gesundheitlichen Gründen schon in Antwerpen nicht aufs Schiff gelassen.

Der Vater und einer der Brüder, Alexander, werden in Ellis Island, der Einwanderungsinsel vor New York wieder zurückgeschickt. So muss der 18jährige Adrian ohne Geld und ohne Englischkenntnisse allein ums Überleben kämpfen. Nichts ist mehr übrig vom ursprünglichen Enthusiasmus. In Jack findet Adrian schließlich einen Freund und entdeckt im Zusammensein und Zusammenleben mit ihm seine Homosexualität. Als schließlich Adrians Zwillingsbruder Alexander im zweiten Anlauf doch noch nach Amerika gelangt, muss er sich entscheiden: für seine Liebe, für Jack oder für seinen Kindheitstraum, die Farm im Westen, für Alexander. Das Buch ist sehr spannend und einfühlsam geschrieben. Es ist nicht nur ein Jugendbuch. Leser jeden Alters dürften von diesem Buch begeistert sein.

Erna Schwalbe, Lesetipp Bücher Schwalbe

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Eine Welt dazwischen

Auf der Suche nach Glück und Wohlstand macht sich eine belgische Familie Anfang des 20. Jahrhundert auf nach Amerika. Wie so viele müssen sie die Strapazen einer Überfahrt in der dritten Klasse über sich ergehen lassen. In New York angekommen, darf aufgrund der gesundheitlichen Verfassung der Familie nur der 18jährige Adrian von Bord. Allein, ohne Unterstützung seiner Familie und ohne der Sprache mächtig zu sein, versucht er sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Armut und Elend machen Adrian schwer zu schaffen und erst als er Jack kennen lernt, scheint sich das Blatt zu wenden. Nach und nach entdeckt er die neue Welt und eine Liebe, die er nicht für möglich gehalten hätte. Die Liebe zu Jack, seinem besten Freund.

Aline Sax beschreibt sehr fesselnd die Zustände und Hoffnungen der Auswanderer zu Beginn des letzten Jahrhundert. Schnell bekommt man als Leser ein Gefühl, welche Erniedrigungen die “Menschen dritter Klasse” über sich ergehen lassen mussten, um überhaupt nach Amerika zu gelangen. Ein sehr fesselndes Buch, das mit einfacher, schnörkelloser Sprache eine wundervolle (Liebes-)Geschichte erzählt. Meiner Meinung nach wurde zu Recht das Buch in Holland für das beste historische Jugendbuch nominiert. Unbedingt lesen!

 Harald Mayer, Rainbow Magazin, n° 58, Sommer 2007.

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Wir schicken euch Geld

Von Reinhard Osteroth

Die junge belgische Autorin Aline Sax erzählt die spannende Geschichte einer zweifachen Auswanderung nach New York Im Jahr 1910 bricht die belgische Familie De Belder auf, um der Armut auf dem Lande zu entfliehen. Das kleine Haus, den Stall und die Ziege verkaufen sie. Das Geld reicht gerade für die große Reise, die sie antreten wollen. Mit dem Zug nach Antwerpen – und dann mit der Red Star Line von Antwerpen nach New York. Amerika, die Neue Welt, soll sie von ihrem Elend erlösen. Ein Bauernhof auf dem schier unbegrenzten Kontinent, das ist der Traum des Vaters. Mit seiner Frau, der Tochter Charlotte und den unterschiedlichen Zwillingen Alexander und Adrian bricht er auf, “den Gestank von Hunger und Missernten in den Kleidern”.

Als großräumige Familiengeschichte beginnt der Roman der belgischen Historikerin und Autorin Aline Sax. Doch schon in Antwerpen zersplittern Traum und Familie. Ein Arzt erklärt kategorisch: “Ihre Tochter darf das Schiff nicht betreten. Sie hat eine Lungenentzündung.” Hilflos stehen sie im Lärm am Kai und müssen sich entscheiden. Die Mutter bleibt mit Charlotte zurück, der Vater und die Söhne gehen an Bord: “Wir schicken euch Geld, ja?” Geld für neue Fahrkarten, für das Wiedersehen in Amerika. Ein jäher Wechsel, auf nur zwei Buchseiten komprimiert.

Die 23-jährige Aline Sax erzählt mit staunenswerter Selbstverständlichkeit und Dichte. Schon steuert ihr Roman auf den nächsten Höhepunkt zu, die Reise im Bauch der Kroonland über den Ozean nach New York. Nach der Ankunft geht es – vorbei an der “Libertytante” – nach Ellis Island, wo sich in der großen Halle Schicksale in wenigen Augenblicken entscheiden, ein Hammelsprung für Einwanderer, ein Labyrinth aus Angst und Hoffnung. Adrian De Belder, der Ich-Erzähler, ist überwältigt – und sucht inmitten des Getümmels seinen Vater. Doch Joseph De Belder wird die Einreise nicht gestattet, er ist krank und zu geschwächt. Alexander, der geliebte Zwillingsbruder, hatte sich auf Ellis Island geprügelt, ist also “anarchistisch und aggressiv” und wird ebenfalls ausgewiesen. Zurück nach Antwerpen! Adrian will mit – darf aber nicht mehr. Wie betäubt steht er, der Junge aus der Provinz, in den Straßenschluchten von New York. Schläft im Central Park. Verloren, allein, bis ihn einer anspricht: “Need a job?”

So beginnt, nach hundert Seiten, der Roman von vorne und bleibt doch ein Auswanderer-Roman, in doppeltem Sinne. Adrian wird hin- und hergeworfen, landet schließlich bei dem Hotelportier Jack, der ihm kostenfreie Unterkunft anbietet. Er ist irritiert, sich selbst fremd geworden. Es dauert eine Weile, ehe er erkennt und sich eingesteht, dass er in Jack verliebt ist. Adrian hadert mit seiner Neigung, wie er mit dieser ganzen Stadt New York hadert. Aber in Jack und dessen Freundeskreis findet er bald festen Halt. Mit ihm entdeckt er sich und die Stadt ganz neu.

Erzählerisch ist dieser Wechsel zur Geschichte einer Männerliebe ein Wagnis. Er gelingt Aline Sax wohl darum so überzeugend, weil sie mühelos und detailreich Liebesgeschichte und historischen Roman vereint. Ob Bowery oder Coney Island, ob reiche Gesellschaft oder jüdische Schneiderei, nichts wirkt illustrativ oder kostümiert. Als nach etwa einem Jahr auch Adrians Bruder Alexander in New York ankommt, schlägt der Roman eindrucksvoll den Bogen zum Anfang. Fast feindlich stehen sich diesmal Jack und Alexander gegenüber, zweierlei Liebe treibt Adrian erneut in den Konflikt. Man darf auf eine Fortsetzung hoffen.

 Reinhard Osteroth, Die Zeit, 9.8.2007

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BUCH-NEWS

Eine Welt dazwischen

Man schreibt das Jahr 1910. Adrians Familie möchte Europa und ihre Armut hinter sich lassen und ins gelobte Land Amerika auswandern. Alle sind begeistert und hoffen, dort ihr grosses Glück zu machen. Nur Adrian selbst würde viel lieber zu Hause bleiben. Nur widerstrebend folgt er seinen Eltern, als sie sich nach Antwerpen aufmachen, um dort das Schiff nach New York zu besteigen. Durch unglückliche Fügungen des Schicksals darf aber schliesslich nur Adrian allein nach Amerika einreisen. Ausgerechnet er, der er doch gar nicht auf diese Reise gehen wollte! Und nun steht er da, ohne Geld und ohne Familie, dazu die fremde Sprache und all die Leute! Schliesslich findet Adrian jedoch einen Freund. Jack. Jack hilft ihm, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Und plötzlich ist Jack für Adrian noch viel mehr als ein guter Freund. Adrian hat sich in einen Mann verliebt. Doch wie soll das alles weitergehen?

“Eine Welt dazwischen” ist ein spannendes Zeitzeugnis und gleichzeitig die einfühlsame Geschichte eines jungen Mannes, der in der Fremde neu leben lernen muss und dabei ganz neue Seiten an sich entdeckt. Das Buch liest sich zeitweise etwas schwerfällig, was der guten Story aber keinerlei Schaden zufügt. Durchhalten!(sic)

 Zürcher Unterlander – 7.9.2007

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Berliner Lesetipps: Eine Welt dazwischen

Aline Sax wurde 1984 geboren, sie schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Romane und ist bereits promovierte Historikerin und weil dieses nicht beeindruckend genug ist, legt sie mit “Eine Welt dazwischen” einen Roman vor, der nicht nur historisch interessant, sondern auch von psychologischer Tiefe ist.

Die Familie von Adrian will 1910 von Belgien in die USA auswandern, um dort im Westen eine Farm zu gründen und eine bessere wirtschaftliche Grundlage zu haben, die Besitztümer werden verkauft, man nimmt Abschied vom ältesten Sohn, der mit seiner Familie in Belgien bleiben wird, im Hafen der nächste Schock, der kleinen Schwester wird nicht gestattet, das Schiff zu betreten, da Verdacht auf eine Lungenentzündung besteht, die Mutter bleibt mit der Schwester zurück, die Überfahrt ist beengt und anstrengend. Bei der Ankunft auf Ellis Island in New York der nächste Schock, dem Vater, der während der Überfahrt erkrankte, wird das Betreten des Landes verwehrt, er muss zurück nach Europa, der Zwillingsbruder Adrians Alexander wird in eine Schlägerei verwickelt und muss ebenfalls als subversives Element die Rückkehr nach Belgien antreten, somit steht plötzlich Adrian allein in New York, einer fremden Stadt, mit einer fremden Sprache und vollkommen ohne Familie und Rückhalt. Durch diese Aneinanderkettung von Schicksalsschlägen wird man als Leser auf den ersten ca. 50 Seiten gejagt, man fühlt sich den Geschehnissen genauso ausgeliefert wie Adrian und erlebt, wie sich eine Familie auflöst.

Adrian schafft es, sich irgendwie durchzuschlagen, er entdeckt New York, findet Freunde und verliebt sich zum ersten Mal. Die erste Liebe heißt Jack und somit muss sich Adrian mit einem zusätzlichen Stigma herumschlagen, dem der Homosexualität. Homosexualität ist 1910 noch eine Schande und von Geisteskrankheit nicht weit entfernt. Außerdem hat Adrian das Ziel, so viel Geld zusammen sparen, dass wenigstens sein Bruder Alexander in die USA nachkommen kann.

Zum Ende des Romanes steht Adrian wieder seinem Bruder gegenüber, aber wofür soll er sich entscheiden, die Familie und der ursprünglichen Planung, im Westen der USA eine Farm zu gründen oder in New York, seinem neuen Leben und seiner Liebe zu bleiben. Das Ende wird offen gelassen.

“Eine Welt dazwischen” ist als Jugendbuch beim Arena Verlag erschienen, aber trotzdem geht dieses Buch darüber hinaus und beweist mal wieder, dass es auch für Erwachsene manche Schätze in diesem Bereich zu entdecken gibt.

 www.berlinerlesetipps.de

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Wenn Träume fliegen lernen…

5 von 5 sterne

Ich werde hier keine Nacherzählung der Geschichte machen, wie ich es hier in vielen Rezensionen

gelesen habe, sondern werde schreiben wie ich dieses Buch entdeckt habe und wie ich es empfunden

habe. Auch werde ich versuchen keine Empfehlung auszustellen, denn am Ende muss jeder selbst wissen

ob er es lesen möchte oder nicht…

Mir wurde das Buch von einem Mann empfohlen, einem Buchhändler aus Recklinghausen, wie es so

üblich ist stellte er sich als Fehler heraus aber er hat mir ein Buch empfohlen in dem es um

Träume und um die Magie des entdeckens geht, ein Buch das ich einfach nicht aus meinem Kopf

bekommen habe und auch nicht weglegen wollte, weil es auch ein wenig um meine Träume geht…

Wie so viele bin ich auf der Suche nach mir selbst und auch auf der Suche nach jemanden der mich so

liebt wie ich bin und als ich angefangen habe dieses Buch zu lesen habe ich festgestellt das es

irgendwann passieren könnte. Mit dem Buch habe ich mich wohlgefühlt und die Momente von denen

Aline Sax erzählt genossen und sie mir vorgestellt…

Von der ersten zärtlichen Berührung auf der Feuertreppe, den ersten Momenten die man wirklich

wahrnimmt und die nicht nur an einem vorbeiziehen, und natürlich auch das erste gemeinsame

mal…Die Gefühle in einem Menschen der nicht weiss woran er ist, der nicht mehr weiss was richtig

ist und was falsch ist und auch die große Angst davor was passieren könnte…

Das Buch löste in mir ein Gefühl aus das ich nicht beschreiben kann der ich war ein Teil der

Geschichte. Ich lese viele Bücher aber dies war mein erstes über Homosexuelle obwohl ich es

selbst bin hatte ich nie Interesse davon zu lesen, aber wenn ich es nicht gelesen hätte würde ich

es wahrscheinlich mehr als nur bereuen.

Klar finde ich das man das Buch lesen sollte denn ein wirklich gutes Buch kann einem über eine

ziemlich lange Zeit(wenn man vernarrt ist in Bücher eher kurze Zeit)helfen aber jeder muss es für

sich entdecken und seine eigene Bedeutung darin finden.

Wer es lesen will, sollte es tun und sich in der Geschichte verlieren und vielleicht fühlst du ja

das gleiche wie ich…

Kevin Fleischer auf Amazon.de

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Aline Sax – Eine Welt dazwischen

Flandern, 1910 – die belgische Familie De Belder – Vater, Mutter, die Zwillingssöhne Adrian und Alexander (die sich äußerlich sehr ähnlich sind, aber kaum verschiedener sein könnten) und die kleine Tochter Charlotte – bricht auf, um ihrem ärmlichen Bauernleben zu entfliehen. Sie verkaufen ihr kleines Haus und ihre Ziege, um die große Reise über den Atlantik anzutreten und in Amerika ihr Glück zu finden. Mit dem Zug geht es zunächst nach Antwerpen, und dann mit der Red Star Line von Antwerpen nach New York. Die Neue Welt soll sie von ihrem Elend erlösen. Ein Bauernhof auf dem schier unbegrenzten Kontinent, das ist der Traum des Vaters. So brechen sie auf, »den Gestank von Hunger und Missernten in den Kleidern«.

Doch es kommt alles anders: Die Tochter Charlotte darf nicht an Bord des Schiffes, weil ein Arzt eine Lungenentzündung feststellt, so bleiben Mutter und Tochter zurück.

Detailliert und eindrücklich berichtet die niederländische Autorin, Mitte 20 und promovierte Historikerin, von der Reise in der dritten Klasse an Bord eines Ozeanriesen. Anschaulich beschreibt sie die Erlebnisse der Restfamilie bei den Einwanderungsprozeduren auf Elis Island. Das ungewisse Warten, die Abweisung des ebenfalls erkrankten Vaters, den Wutausbruch Alexanders, der in einer Schlägerei mündet und schließlich dazu führt, dass der andere Zwilling, Adrian, als einziger das Land ihrer Träume erreicht – er, der eigentlich gar nicht hierher wollte.

Wie betäubt steht er, der Junge aus der Provinz, in den Straßenschluchten von New York. Schläft im Central Park. Verloren, allein, bis ihn einer anspricht: »Need a job?«

Und er landet in der Spülküche eines Hotels. In einem noch billigeren Hotel findet er eine Bleibe und erste Freunde – Gogo-Girls und Prostituierte, Säufer und Ausgestossene. Als der geldgierige Hotelbesitzer einfach sein Bett mit einem zweiten Mann belegt und dieser in der ersten Nacht stirbt, hält Adrian es nicht mehr aus. Ein Glück, dass der gleichaltrige Portier Jack ihn bei sich aufnimmt. Gemeinsam arbeiten sie daran, Alexander das Geld für eine neue Fahrkarte schicken zu können, sei es durch nicht ganz astreine Wechselgeschäfte mit den hoffnungsvollen Neuankömmlingen, sei es durch Botengänge für den jüdischen Schneider.

Ein Auswandererroman, gut geschrieben und angenehm zu lesen, detailliert und überaus anschaulich wird das New York vor dem Ersten Weltkrieg beschrieben, die Charaktere sind klar gezeichnet und stehen einem gut vor Augen, man taucht ein in eine doch recht unbekannte Welt. Adrian ist irritiert, sich selbst fremd geworden. Es dauert sehr lange, ehe er erkennt und sich eingesteht, dass er in Jack verliebt ist. Adrian hadert mit seiner Neigung, ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Jack und der Lust, die er durch ihren Sex erfährt, und seiner Erziehung und der Gewissheit, etwas Verbotenes zu tun – denn das ist Homosexualität im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts. Und wieder besticht der Roman durch die gut recherchierte und anschauliche Schilderung der Schwulenszene in New York und den Repressalien, wie dem Polizeieinsatz bei einer privaten (!) Party. Ob Bowery oder Coney Island, ob reiche Gesellschaft oder jüdische Schneiderei, nichts wirkt illustrativ oder kostümiert. Adrian geht in seiner Liebe auf. Und nach etwa einem Jahr haben sie ihr erstes Ziel erreicht: Sie können Alexander das Geld für die erneute Überfahrt schicken. Alexander kommt und erwartet, dass sich die frühere Nähe zu Adrian wieder einstellt, dass sie nahtlos an ihre brüderliche Vertrautheit anknüpfen können. Er kann nicht verstehen, dass Adrian sich verändert hat und ist eifersüchtig auf Jack, obwohl Adrian ihm nichts über ihre Liebe erzählt hat. Jack wiederum findet Alexander unausstehlich, und fordert Adrian auf, ihm endlich reinen Wein einzuschenken. Adrian fühlt sich zerrissen und fasst einen Entschluss.

Der Roman ist als Jugendbuch geschrieben, ist aber aufgrund seiner historischen Detailtreue und der psychologischen Tiefe eine echte Entdeckung – gerade auch für Erwachsene.

(vf)  Medientip von GayBodensee (www.gaybodensee.de/medientip.aspx)

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Eine Welt dazwischen, gelesen von Lisa Schmitz

Jetzt weißt du alles, Bruder. Mehr kann ich dir nicht sagen.“ (333) Mit diesen Sätzen endet das Buch, in dem sich ein junger Mann auf die Suche nach seinem eigenen Lebensweg macht.

Zu Beginn des Buches wird aus der Sicht von Adrian de Belder geschildert, wie sich seine Familie von Freunden und Verwandten verabschiedet, da sie sich entschlossen hat nach Amerika auszuwandern. Familie de Belder besteht aus dem Vater, der Mutter, der kleinen Charlotte und den Zwillingsbrüdern Adrian und Alexander. Als sie in Belgien an Bord des Schiffes gehen wollen, wird der kleinen Charlotte der Zutritt verweigert, da sie an einer Lungenentzündung erkrankt ist. Daraufhin bleiben sie und die Mutter in Belgien zurück.

Bei der Ankunft in Amerika erhält nur Adrian eine Aufenthaltsgenehmigung. Jetzt muss er sich, ohne die Sprache zu beherrschen, alleine durchschlagen. Er lernt aber bald Jack kennen und baut eine innige Beziehung zu ihm auf. Nachdem er erkannt hat, dass er homosexuell ist und sich in Jack verliebt hat, beginnt für ihn ein völlig neues Leben. Dieses wird jedoch aus der Bahn geworfen, als sein Bruder Alexander doch noch nach Amerika kommt und ihn vor eine schwere Entscheidung stellt.

Der Autorin ist es gelungen, die Atmosphäre, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Belgien herrschte, überzeugend darzustellen. Auch die Illusion vom amerikanischen Traum und, wie schnell dieser zerplatzen kann, wird von ihr treffend beschrieben.

Als dann die Homosexualität der Hauptperson zum zentralen Problem wird, führt Aline Sax den Leser langsam an dieses wohl vielen Menschen fremde Thema heran. Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, eben wegen diesen überzeugenden Darstellungen. Außerdem finde ich die Thematik sehr ansprechend und interessant. Ich denke, dass sich Jugendliche, so wie sie in diesem Buch mit dem Thema Homosexualität konfrontiert werden, gut damit auseinandersetzen können. Das macht die Autorin durch einen einfachen Satzbau und einen leicht verständlichen Wortschatz möglich.

Aus diesen Gründen kann ich dieses Buch nur weiter empfehlen und zwar nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen. Im März 2008 ist die Fortsetzung von Adrians Lebensgeschichte unter dem Titel „In einem Leben wie diesem“ erschienen. Der Leser kann dort Adrian im Jahr 1911 in New York weiter begleiten.

Lesepunkte, Nr. 3, 2008 (http://www.lesepunkte.de/no_cache/persistent/artikel/5913)

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